Schachnovelle

by Stefan Zweig | Literature & Fiction |
ISBN: 3596215226 Global Overview for this book
Registered by erinacea of Friedrichshain, Berlin Germany on 2/1/2016
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Journal Entry 1 by erinacea from Friedrichshain, Berlin Germany on Monday, February 01, 2016
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das erste Mal von der Schachnovelle gehört habe. Als ich... *Rascheln in meinen Unterlagen* ... 2007 in einem Buchladen auf dieses Büchlein stieß, hatte ich jedenfalls bereits eine vage Vorstellung von der Handlung im Kopf und durchaus Interesse daran, es zu lesen. Da das Buch heruntergesetzt war (2,50€ laut dem Sticker auf dem Einband), griff ich nach kurzem Zögern zu.

Dann lag es viele, viele Jahre ungelesen in meinem Bücherschrank, bis ich mir dieses Jahr das Ziel setzte, jede Woche ein Buch zu lesen. Da ich diese Woche Urlaub habe, wollte ich für zumindest ein paar Tage die Zeitung abbestellen, mich dabei aber in der Woche vertan. Das führte dazu, dass mir, als ich letzten Mittwoch morgens den Briefkasten öffnete, gähnende Leere entgegenblickte. Na gut, dann lief ich halt wieder hoch und tigerte vor meinen Bücherschränken auf und ab und versuchte, mich für einen Titel zu entscheiden. Die Wahl fiel schließlich (ohne dass ich einen besonderen Grund nennen könnte), auf dieses Buch. Den Rest der Woche las ich es dann in der Bahn, um es Sonntag abend dann schließlich zu Hause zu beenden.
Ich lese im Grunde nicht besonders gern unterwegs, weil ich immer erst eine Weile brauche, um mich in den Text einzufinden und anfangs jeden Satz 2x lesen muss, um ihn aufzunehmen. Wenn ich jede Station schauen muss, ob ich raus muss, fehlt mir die Konzentration, um mich richtig auf das Buch einzulassen. Und dennoch...

Beim Stichwort "Novelle" muss ich immer an die "unerhörte Begebenheit" denken, die laut Deutschunterricht den Kern der Novellenhandlung ausmacht (oder ausmachen sollte, so genau weiß ich das nicht mehr). Interessanterweise bietet dieses Buch gleich mehrere dieser skurrilen Handlungsansätze, die Zweig geschickt zu einer Gesamthandlung verwebt.

Da ist zunächst Czentovic' Vorgeschichte als tumber Bauernjunge, der sich als Schachgenie entpuppt (und doch immer das grobschlächtige Landei bleibt). Dann die Schachpartie zwischen McConnor und Czentovic, in die sich unvermittelt ein Fremder einmischt, der der Partie eine unerwartete Wendung verleiht. Es folgt die Erzählung Dr. B.'s, unter welchen Umständen er seine erstaunlichen Schachfähigkeiten erworben habe, und schließlich die finale Schachpartie mit ihrem furiosen Crescendo.

Ich bin eigentlich kein Freund von ausufernden Rückblenden, aber in diesem Fall ist die Geschichte, die Dr. B. dem Erzähler anvertraut, so spannend, so faszinierend, und eigentlich der beste Teil dieses ohnehin großartigen Buches, dass ich zu keinem Zeitpunkt auch nur versucht war, sie zu überspringen oder abzukürzen.

Ob B.'s Martyrium realistisch ist, vermag ich nicht einzuschätzen. Isolationshaft (zumindest unter solch extremer Reizarmut) zählt m.E. zu Recht als Foltermethode und dass der psychische Terror den Gefangenen um den Verstand bringen kann, erscheint mehr als plausibel. Auch kann ich vollkommen nachvollziehen, dass es B. gelingt, mit Hilfe des Schachbuchs, das er zufällig in die Finger bekommt (und ihn zunächst enttäuscht), der Lethargie zu entkommen.
Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es möglich ist, dass B. nach nur 3 Monaten (in denen er nach eigenen Angaben nur 4 Partien am Tag gespielt hat) bereits alle 150 Partien vollkommen auswendig kann. Nach Adam Riese hieße das nämlich, dass er pro Partie nur 2-3 Ansätze gebräucht hätte, um sie sich komplett einzuverleiben. Auch bin ich mir nicht sicher, ob gegen sich selbst zu spielen zwangsläufig in eine Bewusstseinspaltung mündet. Andererseits waren seine Nerven zu dem Zeitpunkt bereits aufgrund der langen Isolation deutlich zerrüttet.
Ein dritter Punkt, der mich stutzig macht, sind seine gelegentlich überraschend genauen Zeitangaben. Ohne Wochenstruktur und Erinnerung in Form von Tageszeitung oder Computeruhr würde ich innerhalb weniger Tage erst die Wochentage verwechseln und über einen längeren Zeitraum verlernen, die verstrichene Zeitspanne einzuschätzen. Vielleicht sollte ich das Mitzählen der Tage als Beschäftigung werten, mit der er sich die Zeit vertreiben konnte?

Insgesamt fand ich die Geschichte unerwartet spannend und mitreißend. Dieses Buch ist ganz klar ein Kandidat für meine "Entdeckung des Jahres".

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