Die Wolke

by Gudrun Pausewang | Children's Books |
ISBN: 3473540544 Global Overview for this book
Registered by Kiezkicker of Hamburg - St. Pauli, Hamburg Germany on 4/24/2013
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Journal Entry 1 by Kiezkicker from Hamburg - St. Pauli, Hamburg Germany on Wednesday, April 24, 2013
Foto: Justin Stahlman from Montréal, Canada (aus der Wikimedia), auf das unsere Städte zukünftig nicht alle so traurig aussehen...

Als Kind fand ich dieses Buch ziemlich bedrückend, ich las es in der Schule kurz nach Erscheinen 1989, und damit nur drei Jahre nach Tschernobyl... Es erhielt sicherlich nicht zu Unrecht u.a. den Deutschen Jugendliteraturpreis.
Und obwohl es schon ein so altes Buch ist, hat es mich doch bis heute ziemlich geprägt, und ich finde, jedes Kind sollte das Buch mal gelesen haben. Da es bei mir aber vermutlich weiterhin im Buchregal verstauben würde, möchte ich, dass es nun weiter zu neuen Lesern reist.

Klappentext: Was viele befürchtet hatten und keiner so recht wahrhaben wollte, passiert: Nach Tschernobyl kommt es auch in einem deutschen Atomkraftwerk zum SuperGAU! Die Behörden beschwichtigen, doch auf den Straßen herrscht Krieg.
Nachdem die vierzehnjährige Janna-Berta ihre Familie verloren hat, landet sie inj einem Lazarett, die Haare gehen ihr aus. Und sie muß erkennen, wie die Erwachsenen die Katastrophe verdrängen, wie Politiker sich hinter Lügen und Ausflüchten verstecken.
"Dieses Szenario des grauens", schrieb DIE ZEIT, ist der "mutige Versuch, Abschied von falschen Träumen, von Illusionen zu nehmen".
Mehr über die Handlung des Buches in der Wikipedia.

Gedicht aus dem Vorwort:

Sie haben versagt

Was tun? H-Milch kaufen oder Büchsenmilch?
Wir wissen es nicht.
Verfallsdaten beachten oder Halbwertzeiten?
Wir wissen es nicht.
Regenschirm oder Abduschen?
Wir wissen es nicht.
Sind Kinder 23mal oder nur 17mal so gefährdet wie Erwachsene?
Wir wissen es nicht.

Es geht um mehr als um Tiefkühlkost
und um die Frage
nach dem unbedenklichen Verzehr von Blattspinat
in den richtigen Bundesländern.

Unsere Politiker haben sich totgestellt.
Kein Ton von den Herren, die so gerne reden.

Als Lastwagenfahrer einst
gegen schleppende Abfertigung
an der Grenze protestierten,
fuhr Herr Strauß ins Krisengebiet.
Im geländegängigen Fahrzeug.

Wenn jetzt Frauen ihre Kinder nicht mehr
auf den Spielplatz lassen können,
wenn die Landwirte ihr Blattgemüse umpflügen müssen,
wenn Menschen der Strahlengefahr direkt ausgeliefert sind,
entfaltet sich administrative Funkstille.
Der Staat ist untergetaucht.

Warum?

Ruhe bewahren,
nur keine Aufregung,
Gras darüber wachsen lassen:
Die Atompolitik darf nicht gefährdet werden.

Nur einer meldet sich zu Wort: Herr Zimmermann.
Er beschimpft die Russen,
sie würden eine unmenschliche Informationspolitik
betreiben, eine verantwortungslose,
weil sie nichts anderes im Sinn hätten als

Ruhe bewahren,
nur keine Aufregung,
Gras drüber wachsen lassen:
Die Atompolitik darf nicht gefährdet werden.

Der Kanzler gab aus dem Fernen Osten Anweisungen.
Die Behörden hielten Strahlenwerte geheim.

Heute sind 350 Kernreaktoren in rund 30 Ländern in Betrieb.
Zwei haben schrecklich versagt.
Einer in Harrisburg, einer in Tschernobyl.

Nun werden noch mehr Menschen an Krebs sterben.
Das Erbgut vieler Menschen ist seitdem
krankhaft verändert, ohne daß sie es wissen.
Es wird noch mehr Sozialfälle und Krüppel geben.
Die Schadstoffe werden in der Lebensmittelkette bleiben.
Wir reichern uns an.

Versagen gehört zu unserer Welt.
Es gibt keine absolute Sicherheit.
Jede Technik hat Schwachstellen.
Versagen ist menschlich.
Mit Versagen nicht zu rechnen,
ist verantwortungslos und unmenschlich.
Die Atomwirtschaft setzt auf technische Wunderwerke,
die nicht versagen.

Aber sie haben versagt.

Mag sein, die deutschen Atomkraftwerke
sind doppelt so sicher wie die russischen.
Dann passiert es in acht Jahren statt in vier.

Und Brokdorf liegt nur 60 km von Hamburg,
Wackersdorf nur 130 km von München,
Biblis nur 50 km von Frankfurt.

Wer evakuiert die Hamburger wohin?
Werden die Münchner nach Capri evakuiert?
Die Frankfurter auf die Kanarischen Inseln?

Jeder wird allein gelassen sein.
Wie schon dieses Mal.
Die Politiker werden wieder unfähig sein,
etwas zu tun.
Sie werden abwiegeln und beschwichtigen.

Nur keine Panik, sagen sie.
Unsere Sorge sei verständlich, sagen sie,
aber völlig überflüssig.
Vor allem soll alles so weitergehen, sagen sie.
Nur jetzt noch sicherer.
Atomstrom schafft Arbeitsplätze, sagen sie.

Beschwichtigung von Ignoranten.
Sie sehen nichts,
sie hören nichts,
sie lernen nichts.
Sie haben nur gelernt, wie man Wahlen gewinnt.

Was haben wir gelernt?
Es reicht nicht, gegen das Informationschaos
und den Beschwichtigungsnebel der Regierung zu protestieren.
Es reicht nicht, mehr Schutz und Sicherheit zu fordern.
Es reicht nicht,
weil uns so eindrucksvoll wie noch nie bewiesen wurde,
in welchem Ausmaß die Politiker
der Lage nicht gewachsen sind.
(Dabei war Tschernobyl nur ein Unfall.
Stellen wir uns vor, es explodieren Sprengköpfe.)

Auswandern? Emigrieren?
Aber wohin?
Jetzt werden wir nicht mehr sagen können,
wir hätten von nichts gewußt.
Wir können nicht fliehen und emigrieren.
Die Welt wird immer mehr zu unserem eigenen Gefängnis.
Zum Gefängnis des atomaren Fortschritts.

Wenn wir heute nichts dagegen unternehmen,
werden sie sich morgen bedanken
für unser Stillhalten und unsere "Vernunft".
Jeder muß überlegen, was er tun kann.
Jeder an seiner Stelle.
Dieses Mal vergessen wir's nicht."

Diese Anzeige erschien am 23.05.1986, vier Wochen nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl, in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Sie entstand in einm Freundeskreis von sieben Männern und Frauen. Als verantwortlich im Sinne des Presserechts zeichnete Inge Aicher-scholl, die Schwester von Hans und Sophie Scholl.

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