Karamasow-[Leserunde] 13. und finaler Abschnitt

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Nun bin auch endlich mit dem letzten Teil fertig geworden.

Hier hält der berühmte Verteidiger Fetjukowitsch seine eloquente Rede. Er nimmt das Plädoyer des Anklägers auseinander und kritisiert seine Hätte-Wenn-und-Aber-Attiüde. Man könne den Tatverlauf auch völlig anders rekonstruieren.
Schließlich deutet er jedoch auch an, dass Dimitrij seinen Vater tatsächlich ermordet haben könnte, erklärt jedoch, dass dies dann eine einfache Tat und kein Vatermord sei, da Fjodor Karamasow seinen Söhnen überhaupt kein Vater gewesen sei.
Außerdem behauptet er, dass man den Tatbestand des Raubes nicht beweisen könne.
Trotzdessen, dass sich das Publikum sicher ist, dass Dimitrij freigesprochen wird, wird dieser von den Geschworenen (Bauern und einfach Beamte, also dem einfachen russischem Volk) verurteilt. Es steht ein Arbeitslager an.
Daraufhin verfällt Iwan dem Nervenfieber, auch Dimitrij wird krank. Sowohl Katerina als auch Gruschenka halten zu Dimitrij. Katerina möchte Dimitrij zur Flucht verhelfen.
Unterdessen wird der kleine Iljuschka beerdigt und Aljoscha ermutigt die Schuldkameraden, die Erinnerung an Iljuschka hochzuhalten, da dieser bessere Menschen aus ihnen mache.

Damit endet der Roman zumindest für die Figur Aljoschas relativ optimistisch. Dies wurde ja auch vom Erzähler zu Beginn so angekündigt. Es bleibt offen, wie es mit den Brüdern Karamasow weitergeht. Offenbar war eine Fortsetzung geplant. Dostojewski starb jedoch schon im Alter von fast 60 Jahren.

Die Einschübe des Erzählers haben mich immer wieder amüsiert. Da hätte es ruhig mehr von geben können. Die Erzählstruktur des Romans war relativ komplex. Erst zum Schluss erschließen sich manche Charaktere und Handlungsstränge. Wie stehen die beiden Frauen zu Iwan und Dimitrij? Wer liebt wen? Gerade der letzte Monat vor dem Mord, das erste Gelage in Mokroje, warum Dimitrij so aufbrausend und gewaltsam ist, konnte ich erst nach der Lektüre der Vor- und Hauptverhandlung so richtig verstehen. Während Dimitrij zunächst durch und durch unsympathisch erscheint, hat er sich zunehmend zu einem Charakter entwickelt, den man zum Ende hin durchaus verstehen kann. So ist besonders tragisch, dass nahezu alle Indizien gegen ihn sprechen und er zum Schluss verurteilt wird.
Iwan scheitert an seinen eigenen Idealen. Der Atheist in ihm, der glaubt, wenn es Gott nicht gäbe, so sei alles erlaubt, verzweifelt an seiner Mitschuld, da er glaubt, mit diesen Aussagen Smerdjakow zum Mord an Fjodor ermutigt zu haben. Smerdjakow selbst entzieht sich der Strafe durch Selbstmord. Er zeigt keinerlei Reue und lässt Dimitrij willentlich verurteilt werden.
Aljoscha kann als einziger positive Gedanken aus der Katastrophe ziehen und hofft die nächste Generation positiv beeinflussen zu können.

Insgesamt war der Roman natürlich eine interessante Lektüre, auch wenn es ein paar hundert Seiten weniger hätten sein dürfen ;)
Gerade der Beginn war einigermaßen zäh. Da hier viel angedeutet, jedoch noch nicht viel erklärt wurde. Gegen Mitte des Romans kam aber dann zum Glück viel Schwung auf.

Ich bedanke mich bei euch allen für das Mitlesen, Diskutieren und Durchhalten. Ohne euch hätte ich das nicht geschafft.

 

Diesen Satz von dir möchte ich erstmal dick unterstreichen!
Ich weiß immer noch nicht, warum mich Dostojewskis Romane in meiner Jugend so in ihren Bann gezogen haben..., werde ich wohl auch nicht mehr ergründen können.
Aber es ging mir auch so, dass mir der Roman zum Ende hin deutlich besser gefiel. Ich fand auch die Dialoge nicht mehr so hysterisch und chaotisch oder war das einfach Gewöhnung?
Ja und gegen Ende habe ich auch mit dem übrigen Publikum mitgefiebert und gehofft, dass Dimitrij nur eine milde Strafe bekommt oder sogar freigesprochen wird, denn es war ja eine Verurteilung, die nur anhand von Indizien stattfand und er hatte immer seine Unschuld am Tode des Vaters beteuert.
Die Hauptpersonen waren durchweg gut beschrieben und charakterisiert, allerdings waren sie mir zum größten Teil nicht sehr sympathisch, selbst bei Alexej habe ich so manches Mal innerlich mit dem Kopf geschüttelt.
Es war eine durchweg interessante Erfahrung für mich, im Abstand von ungefähr 50 Jahrzehnten, dieses Werk noch einmal zu lesen.
Danke, dass ihr mit dazu beigetragen habt, dass ich es konnte!

 

Seht es so wir haben ein Buch gemeinsam,jeder für sich gelesen,welches Weltliteratur ist.Die Leserunde hat einen dabei behalten! Ich denke mal das Dostojewski mit seinen Roman auch etwas großes schaffen wollte ,für sein Land und ich fand auch gerade im Schlußurteil der Bauern und des einfachen Volkes,hat sich gezeigt welche Richtung die Gesellschaft nehmen sollte.Nieder mit dem nichtstuenden und ausbeuterischen Adel!Auch die orthodoxe Kirche bekommt ihren Platz zugewiesen durch Aljoscha in der Diakonie und Seelsorge.Für mich war das auch ein sehr politischer Roman der dann für lebende Zeitgenossen später sehr real geworden ist.(Lenin,Oktoberrevoulotion,Stalin usw.)

 

Ohne Deine tollen Zusammenfassungen, bassongirl, und den Texten, Meinungen von Euch allen, hätte ich das Buch sicherlich nach einem Viertel weggelegt - so aber habe ich es zum Schluss hin doch mit viel Begeisterung gelesen.
Schon beim 11. Buch aber ganz intensiv im 12. Buch konnte ich dieses Werk kaum aus der Hand nehmen und die Seiten sind dahingefolgen, ganz anders als bei manch anderen Stellen.
Gut gefallen hat mir der Vergleich der Psychologie mit einem Stab, der zwei Seiten hat und man alles von einem anderen Blickwinkel betrachten kann.

Dmitrij wurde von den einfachen Menschen verurteilt für seinen üppigen Lebenswandel, für seine Verachtung dem Vater gegenüber, für seinen Umgang mit Geld, für seine Unehrlichkeit den Frauen gegenüber... Der Adel hätte Dmitrij deshalb freigesprochen, sie fanden in Dmitrijs Leben nicht Verurteilenswertes. Eine sehr mutige Aussage des Dichters!
Die Frauen haben Dmitrij verziehen, Aljoscha hat eine lohnende Aufgabe gefunden, junge Menschen in eine bessere Welt zu begleiten.
Irgendwie doch ein versöhnliches Ende

 

wingOphelia1wing 1 wk ago
Danke!
Ich stecke zwar noch im Epilog, aber es fehlen nur noch wenige Seiten und ich habe gerade Zeit, hier zu posten. 🙂
Ganz herzlichen Dank für die Orga der Leserunde - ich weiß, wie viel Mühe es eben doch macht. Der Aussage, dieses Buch ohne Leserunde nicht beendet zu haben, schließe ich mich an - anders als efell hätte ich allein vermutlich nicht einmal das erste Viertel beendet 🤣
@holle: Deine jugendliche Schwärmerei, von der du im Laufe der Leserunde mehrfach geschrieben hast, hat mich zwischendurch sehr amüsiert. Allerdings habe ich vor Jahren "Der Spieler" gelesen. Das fiel vom Alter her bei mir nicht mehr unter "junge Jahre", aber das Buch hat mich doch deutlich mehr begeistert als die Brüder Karamasow. Wobei ich hier nicht unerwähnt lassen möchte, dass kürzlich (als reale Treffen noch erlaubt waren) ein befreundeter Bookcrosser auf mein - nennen wir es ruhig Gejammer - über die Brüder sagte: In jedem dicken Buch steckt ein gutes dünnes. Irgendwie trifft das meine Meinung über diesen Roman sehr genau.
Inhaltlich habe ich zu euren Bemerkungen zum letzten Abschnitt nur noch wenig hinzuzufügen.
Tatsächlich bin ich froh, dass das hochtrabende Geschwafel von Staatsanwalt und Verteidiger in Deutschland heutzutage vollkommen aus der Mode gekommen ist...
Wie jetzt die Sache mit den Fluchtplänen ausgeht, muss ich gerade noch zu Ende lesen.

 

So sicher war ich mir dessen nicht. Ohne die Leserunde hätte ich sicher aufgegeben, vielen Dank an bassongirl für die Initiative und die Mühe, trotz des Covid-Stresses.
Klar, es war anstrengend. Ermüdend auch mitunter. Aber auch amüsant, ich liebe den durchscheinenden ironischen Unterton. Die Personenbeschreibungen, die Schilderung der Szenen mit großem Publikum wirkten auf mich meisterlich. Soviel Sorgfalt Dostojewski auf das Ausmalen auch von Nebenfiguren legte, so sparsam war die Beschreibung von Landschaft, Jahreszeit, örtlichen Gegebenheiten. Das unterstützte den Eindruck eines Bühnenstücks. Ich fragte mich besonders im ersten Teil, ob es die Karamasows eventuell als Oper gibt (nach meiner Recherche tatsächlich).
Punktuell war es schon fast erschreckend, wie wenig sich in den letzten rund 150 Jahren geändert hat z.B. an der Regenbogenpresse, der Sensationsgier an Skandalprozessen, an der von den anderen Staaten mit Furcht betrachteten dahinstürmenden russischen Troika.
Überrascht auch durch seine philosophische Fragestellung bzw. der allgemeingültigen, grundsätzlichen Thematik, die sich hinter der vordergründigen Familientragödie verbirgt.
In Zeiten von alles ist erlaubt, was nicht verboten ist und der fast unbeschränkten Auslebens fast aller Luxusbedürfnisse, durch die, die es sich leisten können, fragt man sich schon, welche Werte die Richtschnur des Handelns sein sollen.
Zufällig habe ich zum „Ausgleich“ der schweren Klassikerkost Ian Rankins ersten Rebus-Krimi „Verborgene Muster“gelesen und folgendes gefunden(zwar in Bezug auf „Schuld und Sühne“):

"Dostojewski hatte das alles gewusst. Cleverer Kerl. Er hatte gespürt, wie alles außer Kontrolle geriet."

 

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