Buchgespräch/Autorenansichten: Sparschuh. Ab Freitag 1. März

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Aus dem booktalk von Richter-Di und einigen Mitlesern/innen ist die Idee entstanden nun ein modernes Buch zu lesen.
Ich habe mir Jens Sparschuh ausgeguckt, weil er das Alleinsein oder auch die Einsamkeit und Verdrehtheit seiner Antihelden so gut in Szene setzt.
Das Buch "Das Leben kostet viel Zeit" erzählt von einem Mann, der als Job Biographien schreibt für Menschen in einem Seniorenheim in Berlin.
Es ist leicht zu lesen, weniger wirr als "Eins zu Eins" von ihm, und ich habe schon 2 Folgebände von ihm aus der Bücherei hier liegen, weil ich mehr will von diesem politisch philosophischen Autoren, der in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen ist.
Eigenbrödler-Bücher schreibt Jens Sparschuh.
Okay, das freut mich, daß es zustande kommt!😊
Ich will keine Lese- Seitenvorgabe machen. Wir bleiben einfach im Gespräch und jede/r gibt ihren/seinen 1. Eindruck an. Stellt Fragen. Trägt Infos bei. Späterer Eindruck.....und was uns noch so einfällt.

 

Da ich Wenigleserin bin, lese ich vielleicht so hinterher und gebe sporadisch meinen Senf dazu, wenn ich das Pensum nicht schaffen sollte. Der "Schlemihl" liegt schon lange auf TBR bei mir, das reizt mich schon sehr.

 

Ja, das ist doch toll. Habe Datum nach vorne gerückt auf März.

 

Und gehe wieder auf den thread booktalk zurück. Damit die crosser nicht hin und her suchen müssen.

 

Ich habe das Buch in meiner Bibo vorbestellt.

Ich würde an deiner Stelle bei diesem Thread hier bleiben und Titel und Beginn des Booktalk in den Titel nehmen.

 

Was bedeutet bibo?

 

Ach bibliothek oder so. Ich hatte vorgestellt statt vorbestellt gelesen😃.

 

und ich auch.

 

Schön, dann sind wir zu dritt.


Naliestewieder
Urfin
Whitecaj

Bassongirl später mal

 

Bis jetzt lesen mit:

Bassongirl
Naliestewieder
Urfin
Whitecaj

 

und habe mir mal den "Peter Schlemihl" rausgekramt zur Vorbereitung. Übrigens ein echtes altes Schätzchen, älter als ich: Aufbauverlag Berlin 1962, bb Taschenbuch, DM 1,85, Umschlag Klaus Ensikat.

 

Ein Schatz vom Dachboden 😊

 

wingbassongirlwing 3 mos ago
Sorry
Ich werde es wohl nicht schaffen, das Buch mitzulesen. Ist gerade privat zu viel zu tun.
Vielleicht beim nächsten Mal wieder. Ich merke mir das Buch aber auf meiner inneren Wishlist.

 

wingUrfinwing 3 mos ago
Bestellt
habe ich mir das Buch bei booklooker. Warte noch auf seine Ankunft...

 

Morgen geht es los.
Ich stelle einfach ein paar Daten über Sparschuh ein. Und Zitate aus anderen Büchern.
Kein Problem, wenn dein Buch soäter kommt. Wir ( zumindest ich 😊) habe alle Zeit der Welt.

 

Und ich würde auch gerne mal eine Zusammenfassung vom Schlemihl lesen. Habe das mal am Bahnhof gekauft und nicht zu Ende gelesen , und dann weitergegeben......
Vielleicht kriegen wir eine von Naliestewieder?

 

Und ich würde auch gerne mal eine Zusammenfassung vom Schlemihl lesen. Habe das mal am Bahnhof gekauft und nicht zu Ende gelesen , und dann weitergegeben......Vielleicht kriegen wir eine von Naliestewieder?

Ja, gerne. Unterhaltsamer ist es sicher hier:
https://www.youtube.com/watch?...
Ich habe "Das Leben kostet viel Zeit" vorsichtshalber ;-) schon mal gelesen. Gutes Zeichen, wenn ich für meine Verhältnisse so zügig vorankomme. Jetzt bin ich beim "Zimmerspringbrunnen".

 

Jens Sparschuh
*1955 in Karl-Marx-Stadt
Wuchs in Ost-Berlin auf
Abi in Halle an der Saale
1973-1978 Studium Philosophie und Logik in Leningrad mit Doktortitel
Seit 1983 freier Schriftsteller
War engagiert in der Bürgerrechtsbewegung der DDR und Mitglied im "Neuen Forum".
Gastprofessuren in den USA
7 Literaturpreise
2019 ...?...Günter-Grass-Preis
(Habe ich mich evtl. Verguckt, was das Jahr angeht.)
Buch "Der Zimmerspringbrunnen"von 2001 wurde verfilmt

 

Das Leben kostet viel Zeit ist 2018 erschienen
Und bietet u.a. einen relativ realistischen Einblick in das Leben der Bewohner eines Altenheims in Berlin.

Sparschuh ist also ganz schön rumgekommen in der Welt insbesondere in der " im Kopf" und in den Machtverhältnissen voneinander getrennten Ost- und Westorten.

 

Ich lese das Buch ab heute zum 2. Mal, damit es mir wieder nahe ist und ich zu bestimmten Stellen dann auch aus "Eins zu Eins" Zitate ergänzen kann.
Zimmerspringbrunnen- Ergänzung ist auch klasse.
"Der Schneemensch" und "Ende der Sommerzeit" ist mir noch ganz nah. Im letzteren und in "Eins zu Eins"gibt es Parallelen zu dem Helden aus "Das Leben kostet viel Zeit."

 

Jens Sparschuh
*1955 in Karl-Marx-Stadt
...
Buch "Der Zimmerspringbrunnen"von 2001 wurde verfilmt

Hier wollte ich anmerken, daß ich den "Zimmerspringbrunnen" mal als Theaterstück mit Götz Schubert gesehen habe :o) aber als ich das in der Suchmaschine eingab, zwecks Referenz, da kam der Film heraus, und es ist vielleicht doch der Film, den ich gesehen habe?

PS:
Warte noch auf das Buch, und hoffe, daß ich dann ohne Schlemihl zurechtkomme, den ich noch nicht gelesen habe.

 

Du hast ja so wie ich die super Inhaltsangabe von Naliestewieder😊

Vielleicht ist der Film ja sehr statisch 😂, bei Zimmerspringbrunnen stellt man sich ja nun auch nicht so viel Handlung im Außen vor. Theaterstück-Film....würde passen.

Ich habe ja auch den Schneemenschen gelesen. Der eine Art Alegorie auf den Forschungs-Gräuel-Schwachsinn der Nazis ist. Da käme man mit Schneesturmatrappe, einem Zelt mit Vorzelt und ner Art Gefängniszelle aus.

 

Warte noch auf das Buch, und hoffe, daß ich dann ohne Schlemihl zurechtkomme, den ich noch nicht gelesen habe.

Klar, das klappt auch ohne, es wird ja viel erzählt im Roman zu Chamisso und Co.. Da ist der Sparschuh Erklärbär genug.
Ist mir gerade noch eingefallen: Der Sparschuh scheint sich selbst gern auf die Schippe zu nehmen. An einer Stelle lässt er Doc Einhorn Künstlerromane in Allgemeinen und einen Chamisso-Roman im Besonderen niedermachen, aber irgendwie ist das ja auch ein Künstlerroman über Chamisso. Oder Broses Chefin meint, ein Leben in Anekdoten erzählen, das wird nichts, Sparschuh erzählt Broses Leben genauso.

 

Tja, man fragt sich sowieso, was Sparschuh selbst erlebt hat. Wenn er wirklich mal so einen Job gemacht hat, hat er auch viel mit den Altenheim-Mitarbeitern zu tun gehabt. Und die sehen einiges ja sehr viel nüchterner und erdiger, wie ich aus Erfahrung nur bestätigen kann.
Da wird den Leuten, die "nur" biographisch unterwegs sind oder auch denen, die kurze witzige Momente schaffen oder auch anrührende Momente wie die Heimclowns viel Mißtrauen entgegengebracht.
Nur der Mensch lebt nicht vom Brot allein und dessen Ausscheidung und der Mensch ist nicht nur defizitär....denn was ist schon die Wirklichkeit, es geht ja gerade in Heimen um die Überwindung bzw. Überhöhung der Wirklichkeit wie sie jeder Bücherfan ständig betreibt.

 

Also ein Hoch auf die Anekdoten und auf den "Zeugen", der außerhalb steht und betrachtet aber dennoch mitfühlt.

 

Hier meine Zusammenfassung:
Peter Schlemihl ist arm, aber jung und ehrgeizig. Um gesellschaftlich aufzusteigen, lässt er sich auf einen Handel mit dem „Mann im grauen Rock“ ein. Er bekommt von ihm einen Beutel, der ihm alle Wünsche erfüllt, vor allem Geld, Gold und Edelsteine. Im Gegenzug nimmt der Mann seinen Schatten mit.
Sofort erfährt Peter jedoch, dass Reichtum allein noch keinen gesicherten Platz unter den Reichen und Schönen bedeutet. Wegen seines kleinen Makels, der ihn von allen anderen abhebt, der Schattenlosigkeit, wird er von allen gesellschaftlichen Schichten verlacht und gemieden und flüchtet mit seinem treuen Diener Bendel und dem zwielichtigen Raskal in eine andere Gegend.
Die Leute dort halten ihn prompt für einen Adligen, obwohl er niemals hochstapelt, seine großzügig ausgegebenen finanziellen Mittel und geschicktes Verbergen seines Makels reichen dafür aus.
Er verliebt sich in Mina und möchte sie heiraten. Sobald ihr Vater das Fehlen eines Schattens bemerkt, setzt er Peter ein Ultimatum: beschattet sein oder Mina heiratet Raskal, der zwischenzeitlich Peter bestohlen und sich von ihm losgesagt hat. Der Grauberockte erscheint und bietet erneut ein Geschäft an: Schatten und damit das Glück mit Mina gegen Schlemihls Seele. Dieser – und das ist wichtig- lehnt ab.
Er überlässt Bendel den Rest des Vermögens und flieht allein mit seinem Zauberbeutel, widersteht den fortwährenden Verlockungen des Grauen, verliert den Beutel, ist mittellos aber behält seine Seele. Schließlich sind sogar seine Schuhe verschlissen und er kauft sich ein paar alte, aber brauchbare Stiefel. Diese erweisen sich als Siebenmeilenstiefel, mit denen er die ganze Welt durchstreifen kann und die ihm eine ganz neue Perspektive als Naturforscher eröffnen.
Bei dieser Tätigkeit hat er einen Unfall, der ihn in ein Krankenhaus bringt, welches von Bendel aus dem von Schlemihl überlassenen Vermögen errichtet wurde. Unerkannt sieht er seinen treuen Diener und die inzwischen verwitwete Mina wieder. Er erkennt, dass beide wie er ein erfülltes Leben führen, zufrieden sind und nicht mit der Vergangenheit hadern.
Der Schlusssatz und die Quintessenz lautet: „Du aber, mein Freund, willst du unter Menschen leben, lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld. Willst du nur dir und deinem bessern Selbst leben, oh, so brauchst du keinen Rat.“


 

Klasse diese Zusammenfassung. Er behält also seine Seele und tauscht sie nicht ein. Nicht mal für die Liebe. Das ist bemerkenswert.
Da habe ich ja wirklich was verpaßt, aber es wird mir wieder der Klassiker selbst in die Hände fallen.
So liest sich jetzt der Sparschuh-Roman für mich sicherlich noch verständlicher.

 

Ja, nachträglich war ich ganz froh, den Schlemihl vorher gelesen zu haben. Da gibt es einige Verbindungen, Parallelen, Querverweise, glaube ich. Wenn z. B. die Frau Förster am Anfang sagt, dass ihr alles entgleitet, sie den Sinn der Bücher nicht mehr erfassen kann, "am ehesten noch die Natur..." das weist so Richtung Chamisso/Schlemihl, denen die Natur auch viel gibt. Im Schlemihl, jedenfalls lese ich das so, geht es darum, sich selbst treu zu bleiben, dran zu bleiben, auch wenn man mal einen Fehler begangen hat, einfach immer wieder zu versuchen, einen guten Weg für sich im Leben zu finden. Die Mina im Schlemihl sagt z. B. am Schluss "Seit ich meinen langen Traum ausgeträumt habe und in mir selber erwacht bin, geht es mir wohl, seitdem wünsche ich nicht mehr und fürchte nicht mehr den Tod."

 

Achte jetzt drauf beim Lesen. Bin gespannt.

 

"Auf demonstrative Weise wurde er in diesem Seniorenheim jedes Mal unglaublich leichtfüßig; das war unfair, er wußte es."
Solche Selbstreflexion liebe ich an Sparschuh.
Gleich am Anfang

 

" Wie bei einem Totenschädel, dachte Brose verwirrt und gerührt, er war nahe daran, tröstend die Hand auf ihren altersf leckigen, spillerigen Haut-und Knochen-Unterarm zu legen."
.......
" Auch wenn die Sonne schien, befand sich Wandas Zimmer dauerhaft in einem Dämmerzustand."
.....
"Auch wenn Brose in Wandas Zimmer immer extrem schnell müde wurde,...."

Das sind alles realistische Beobachtungen, die ein empfindsamer Held dort macht.

 

Beim 2. Mal lesen noch toller. Das 1. Kapitel herrlich durch und durch. Die kleinen "Fehler", die Brose aus dem Lot bringen. Das allmähliche Kennenlernen seiner Person.....

 

Und man fängt schon an zu ahnen, daß Sparschuh sich selbst auf die Schippe nimmt.

 

Ein Zitat aus "Eins zu Eins", was mir das Wesentliche über Sparschuhs Ansatz zu sagen scheint:
"Eigentlich, dachte ich da, sind wir Nomaden, nur kurzzeitig vom Dienst des Umherirrens beurlaubte Nomaden - Die Möbel von der Stange, die paar Freunde, die paar alt vertrauten Staubflusen unter dem Schrank - was sich eben so ansammelt mit den Jahren, das alles täuscht uns ein Zuhause vor, das es in Wahrheit nicht gibt. Es ist eine hilflose Kulissenschieberei vor dem großen Nichts. Wir stehen imner mitten in der Nacht, und immer weht uns die große Kälte an. Das ist die Wahrheit."
Aber seine Helden/Antihelden erschaffen sich oder spüren einen Sinn in der großen Kälte und dieser Sinn dreht sich um die Literatur und Leben oder Dichtung und Wirklichkeit.

 

Das ist auch eine meiner Lieblingsstellen. Und:
"Rauchen kann tödlich sein." Stimmt, dachte Brose, und Leben ist tödlich.

 

Ja, diese Stelle ist mir auch aufgefallen. 😂

 

aber soeben ist das Buch endlich angekommen.
http://www.bookcrossing.com/---/15413408
Nun kann ich Euch hinterherlesen ;D

 

Ja, das Abschreiben des Exemplars, das Verpacken in edle Stoffe und die Kutschfahrt im Harz mit dem Feststecken vorm Erdrutsch, das dauert.
Schön! Teil uns deine Eindrücke mit. Ich hoffe, du bist auch begeistert.

 

wingUrfinwing 3 mos ago
Begeisterung
Ich hoffe, du bist auch begeistert.

Begeisterung muß sich noch einstellen, aber ich lese mich ein.
Gestern las ich ein Kapitel, und heute eins - also bis zu Dr.Einhorns Erwähnung des Namens Chamisso.
Ich empfinde den Schreibstil als recht lakonisch, im Sinne von trocken und schmuck- bzw. emotionslos, aber heute las ich eine Formulierung, die mich zum Schmunzeln brachte: "Die versammelte Expertenrunde lauschte ihr andächtig." (als Frau Schwartze in der Biografiegruppe zum Thema Vergessen" referiert ;)

 

Naja, mit der" Weiblichkeit" in des Helden Leben nimmt das Ganze ein bißchen Fahrt auf. Aber lakonisch bleibt er.
Einiges an Schmunzeln kann auch durchaus aufbauend sein. Und einiges Lakonische ist sehr originell.

 

wingUrfinwing 3 mos ago
Exkurse
Gestern las ich das Kapitel mit Titus' Besuch des Friedhofs.

Mir gefallen die kleinen, von der Handlung abschweifenden Exkurse zwischendurch, zu allen möglichen Themen, so wie es beim Nachdenken eben passiert, man kommt vom einen zum anderen... Titus mäandert mit seinen Gedanken, z.B. über das Ausdenken von Paßwörtern, als er auf der Friedhofsbank sitzt.

Kam bis hierher schon Hitzig vor? als Straßenname oder so? Auf dem Klappentext wird er erwähnt. Das fiel mir auf, denn im kürzlich gelesenen Buch "Menschen im Hotel" kam eine Hitzigbrücke vor (genauer: "Schildkröte an der Hitzigbrücke"), die es nicht mehr gibt, in der Hofjägerallee am/im Tiergarten.

 

whitecaj 3 mos ago
RE: Exkurse
Bin bei meinem 2. Lesen noch gar nicht auf dem Friedhof gelandet. Aber morgen! Bzw. Heute....

 


"Das war ja kein Leben bei euch! Die Zeitungen waren keine Zeitungen. Die Wahlen waren keine Wahlen. Die Straßen keine Straßen. Nicht mal die Autos waren Autos." Innerlich musste ich ihm in allen Punkten recht geben. Aber, was zum Kuckuck war es dann, was wir die ganze Zeit getrieben haben? Wer weiß. Man muss es schon selbst erlebt haben, um es nicht zu verstehen.

Ich habe schallend gelacht beim Lesen.
In beiden Bücher sind die Helden Schlemihls. Denen gelingt nichts so wirklich. Brose kriegt die Kurve. Lobek höchstwahrscheinlich nicht. Dem sind seine sozialen Beziehungen vor allem durch den Verlust der Arbeit weggebrochen. Das Thema Arbeit und wie wichtig eine erfüllende, sinnvolle Tätigkeit ist, verbindet Schlemihl-Brose-Lobek.
Mich erinnert der Stil an Julian Barnes "Vom Ende einer Geschichte", wozu wir mal eine Leserunde hier hatten. Vordergründig plaudernd oder witzig im Ton, aber ernsthaft im Motiv.

 

Mich erinnert der Stil an Julien Barnes "Vom Ende einer Geschichte", wozu wir mal eine Leserunde hier hatten. Vordergründig plaudernd oder witzig im Ton, aber ernsthaft im Motiv.

https://www.bookcrossing.com/---/535833
Da war ich damals auch dabei, hatte es aber in Englisch gelesen, und kann's leider nicht vergleichen.

 

So ist es, plaudernd, lakonisch, ironisch im Ton und dann auch detailversessen, aber immer ernsthaft den roten Faden entlang, was der Mensch so tut oder tuen kann, um der Bedeutungslosigkeit zu entgehen. Das ist Sparschuh's Spezialthema.

 

Nachdem ich gestern das lange Kapitel "Dienstag, 13.Juni" gelesen habe,
bin ich nun in der Mitte des Buches angekommen.

Anders als (von mir) erwartet, nämlich daß die Lebenserinnerungen der Senioren die Handlung tragen, scheint das Seniorenheim nur der Rahmen zu sein, triggert immer weiteres Eintauchen in Broses Gedankenwelt und in sein Leben.

Bei meinem Buch habe ich Chamisso Gedicht/Ballade "Das Dampfroß" verlinkt: http://www.bookcrossing.com/---/15413408

 

Das Altenheim ist eben die Realität, ein Ort, der in letzter Zeit heftig diskutiert wird und eben auch ein geschlossener Kosmos, wo Brose heimelig und " ungestraft" vor sich hin dämmern oder da sein darf. Seine Aufgabe ist ja das langsame Herantasten an die längst vergangene Biographie unter Berücksichtigung des fragilen Lebens der jeweiligen Person. Er wird da ja zur erfrischenden Person unter all den Bedrückten und Professionellen ohne aber wie ein Derwisch aufzutreten wie der 103jährige.
Ähnlich wie Broses Partnerin, die im Slang der überforderten Lehrerin in einer ganz normal wilden Schule Berlins agiert und für sich eine Gangart sucht, die sie durchhalten kann bis zur Rente.
Vertraut die beiden. Aber auch unbekümmert sich vom anderen abwendend im Gespräch. Interessante Frauenbeschreibungen bringt Sparschuh ein . Seinen Kosmos bestimmend die Chefin im Lebensläufebüro und im Altenheim am Rande auf ihn einwirkend die Leiterin. Seine Partnerin, der er lieber nicht so genau erzählt, was er alles so tut bzw. Eher nicht tut...denn auch sie: eine Macherin, die ihm das Stellenangebot von Lebensläufe zugeschoben hat seinerzeit.
Gefühle, tja, die stehen verschwommen zwischen den Zeilen und werden z b auf einen gemeinsamen Urlaub verschoben.

 

Und diese Gefühle richten sich am ehesten noch auf Erinnerungen und deren Orte und auf die Dichter .
In "1:1" gibt es auch eine junge dynamische attraktive Chefin und einen Kollegen, mit dem der Held Olaf tendeziell immer innerlich im Clinch liegt, bis dieser Kollege verschwindet und Olaf in die Freiheit darf mit Erlaubnis seiner Chefin, um den Kollegen zu suchen.
Eine Art zufällige Liebesnacht gibt es dann da unterwegs an einem esoterisch kultigen Ort, von der man aber letzlich nicht weiß, ob sie stattgefunden oder Olaf sie nur geträumt hat.

 

Die überfordert wirkenden Helden Sparschuhs, die doch so symphatisch rüberkommen, "süß" wie er Broses Frau über einen Mann urteilen läßt. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich mag diese Helden. Will allerdings nicht so unbedingt meine Wohnung mit einem von ihnen teilen. In " Ende der Sommerzeit" gibt es wieder so einen Helden, dessen Kindheitsgeschichte erzählt wird u.a. und der Dichter, um den es da geht ist Nabukov. Sehr interessant all diese Bücher und besonders nochmal der Aspekt des Schlehmils, der auch für die Liebe seine Seele nicht aufgibt. Der Mann, der seine Eigentümlichkeit bewahren will und auch bewahrt ohne dabei ganz verloren zu gehen. In 1:1 probiert er das Fliegen so ganz ohne Hilfsmittel.....

 

Die überfordert wirkenden Helden Sparschuhs, die doch so symphatisch rüberkommen ...

Mir war diese Überforderung bis jetzt nicht so besonders aufgefallen, nur daß Brose da eine Nische gefunden hat, in der er er selbst sein darf.
Aber jetzt hat Brose sich Literatur von und über Chamisso bestellt, liest sich fest, und vergißt beinahe, Claudias Kostüm aus der Reinigung abzuholen! Ich war richtig erleichtert, als es ihm auf S.249 noch einfiel und er es gerade noch schaffte.

 

Ja. Ich finde, die Helden des Autors ziehen sich viel auf Beobachtungsposten zurück, sind keine Chefs, lassen sich aber bereitwillig führen, wenn es Schlupflöcher gibt , wo sie machen können, was sie wollen und wirken auch eher wie Beobachter ihrer Freundinnen.

 

Und in seinen sich selbst ironisierenden Phantasien kommt der Wunsch nach Heldentum zum Ausdruck. Oder er wird karikiert. So klar wird das nicht.

 

Seite 148:
"Eine Hose", so hatte er es heute früh mit gepreßter Stimme Claudia verkündet,"muß sitzen wie ein Colt."

 

Und Brose wollte ja vor der Vereinigung, vor dem Fall seines geliebten Westberlins, eine coole Story schreiben über die gefährliche Begegnung mit einem Regimekritiker. Auch das konterkarikiert Sparschuh in der Beschreibung von diesem Kay-Uwe und von Brose.

 

" Er wußte, er würde sich sich dieser Aufgabe stellen, stellen müssen, lange gurgelte er mit der Odol-Lauge und spie sie zu allem entschlossen ins Waschbecken."
Während Claudia sich Sorgen macht und lieber will, daß er Kay-Uwe nicht trifft.

 

Und der Zimmerspringbrunnen? Gibt es da noch was, was speziell ist......Naliestewieder?
Dem Kostüm abholen nähere ich mich jetzt auch Urfin.

 

Und der Zimmerspringbrunnen? Gibt es da noch was, was speziell ist......Naliestewieder?
Dem Kostüm abholen nähere ich mich jetzt auch Urfin.

Das Verhältnis zu Lobek zu seiner Julia ist ganz ähnlich. Das scheint ja eine Konstante bei Sparschuh zu sein. Sie steht mit beiden Beinen im Leben, er schlingert. Sinngemäß schreibt ihm Juli auf die Weihnachtskarte: Ich habe dich sehr lieb, aber ich kann nicht mit dir leben. Der"Zimmerspringbrunnen"hat mir eigentlich besser gefallen. Ich habe die ganze Zeit beim Lesen gelacht und auf der letzten Seite ist es mir dann im Halse stecken geblieben. Broses, Chamissos und Heimbewohners Leben in Anekdoten erzählt funktioniert nicht so richtig für mich. Mir ein bisschen fehlt der Handlungsfaden im"Leben kostet viel Zeit".

 

Oh, dann finde ich vielleicht den Springbrunnen noch besser. Den besorge ich mir. 1:1 fand ich sehr mäandernd. Ende der Sommerzeit viel konkreter.

 

Du kannst es von mir haben, wenn du magst. Überhaupt, sollte Ringinteresse bestehen...ich wollte "Das Leben kostet.. " ohnehin anbieten.

 

Gerne. Ich glaube, das gibt es nicht in den Stadtbibliotheken Bielefelds. Würde ich per Fernleihe sonst bestellen. Ich schick dir meine Adresse.
Willst du 1:1lesen (das einzige von ihm, was ich besitze.)? Wo er so durch die Hüchten kreucht, da hat er sich dann aus dem Büro davon gemacht, und da wird es dann interessanter. Würde ich verschenken.
Nur kann ich dir gar keine Adresse schicken, habe darum Freundschaft angefragt....oder du schickst mir eine pm und ich reagiere.

 

Es gibt noch einen Aspekt, den ich interessant finde an Sparschuhs Büchern. Seine Helden und Berlin.
In Ende der Sommerzeit läßt er den Nabukovforscher einen Verriß von Berlin machen, der mir aus der Seele spricht.
Aber ich bin ja immer nur Durchfahrende gewesen, bei längeren Besuchen eher nahe an depressiven Gefühlen und erst jetzt, wo ich am nördlichen Rande von Berlin ein paar lebbare "Stellen" gefunden habe, taste ich mich so langsam an diesen Berlin-Koloß ran.
Sparschuh war beim Mauerbau 6 Jahre alt. Bei der Besetzung Prags 1968 13 Jahre alt. Er ist kein 68er oder 68er Symphatisant, dazu war er zu jung, aber seine Kindheit und Jugendlichenzeit war von diesen Ereignissen geprägt.
Ich weiß nicht, ob er vor der Vereinigung 89, wo er 34 Jahre alt war, überhaupt in Westberlin gelebt hat oder ob er nur seine Helden aus Westberlin kommen läßt.
Ich glaube jedenfalls, daß er die ganze verrückte Welt auf die Schüppe nimmt, insbesondere die Mythen der modernen Gesellschaft. Berlin ist ja so ein Mythos, eine Stadt, in die jedes Jahr 40 000 Menschen ziehen.

 

Ich weiß nicht, ob er vor der Vereinigung 89, wo er 34 Jahre alt war, überhaupt in Westberlin gelebt hat oder ob er nur seine Helden aus Westberlin kommen läßt.

So wie ich das verstanden habe, hat er nicht in Westberlin gelebt. Er war ja wohl in der DDR-Bürgerrechtsbewegung aktiv.
Ob die 68er-Bewegung in der DDR überhaupt einen großen Einfluss hatte, weiß ich nicht. Ich persönlich denke nicht.
Sparschuh nimmt gerne diese ewigen Ost-West- Missverständnisse aufs Korn. Das ist im "Zimmerspringbrunnen" auch so ein Quell meiner Lachsalven gewesen. Im "Das Leben kostet..." wittert Brose die Story über den Ostverwandten seiner Frau, dabei war der als Spitzel auf ihn angesetzt, was er scheinbar bis zum Schluss nicht gerafft hat, oder wie seht ihr das?

 

Im "Das Leben kostet..." wittert Brose die Story über den Ostverwandten seiner Frau, dabei war der als Spitzel auf ihn angesetzt, was er scheinbar bis zum Schluss nicht gerafft hat, oder wie seht ihr das?

Aha, interessant. Bin ich nicht draufgekommen.
Was veranlaßt Dich denn zu der Annahme, daß "der als Spitzel auf ihn angesetzt" war? Nur so Gefühl oder etwas im Text?
Man kann sich natürlich fragen, wieso K.-U. plötzlich so schnell ausreisen konnte. Beim Lesen hatte ich angenommen, daß seine Reise schon bevorstand, er das Telefonat nur zum Vorfühlen führte.

 

Was veranlaßt Dich denn zu der Annahme, daß "der als Spitzel auf ihn angesetzt" war? Nur so Gefühl oder etwas im Text?

Ich habe, ehrlich gesagt, nach Argumenten gesucht, warum er kein Spion sein könnte. Die plötzliche Reise nach Westberlin ohne triftigen Grund für einen jungen Mann, er erkannte Brose ohne weiteres, woher kam seine Begleiterin? Das erschien mir doch mysteriös. Deswegen hat mich echt interessiert, wie ein Westdeutscher das sieht.

 

Was veranlaßt Dich denn zu der Annahme, daß "der als Spitzel auf ihn angesetzt" war? Nur so Gefühl oder etwas im Text?

Ich habe, ehrlich gesagt, nach Argumenten gesucht, warum er kein Spion sein könnte. Die plötzliche Reise nach Westberlin ohne triftigen Grund für einen jungen Mann...

Das stimmst schon,
allerdings macht es für die Handlung, so wie sie ist, keinen Unterschied, ob Kay-Uwe als Spitzel oder aus irgendwelchen anderen Gründen nach Westberlin reiste, oder? Würdest Du etwas in dem Buch anders lesen mit der entsprechenden Information?
Naja, es wäre vorstellbar, daß sich Brose, hätte er später selbst so geschlußfolgert wie Du, sich hätte sagen können, daß er erfolgreich einen DDR-Spitzel abgewehrt hat. Oder so ähnlich...

 

Das mit dem Spitzel, glaube ich nicht.
Einen Brose vom Spandauer Boten bespitzeln?

 

Im Sinne von Anwerben? Also Spitzelrekrutierung sozusagen? Denn Brose hatte ja "immer schon" viel Zeit, diie er auch braucht für seine privaten Forschungen, da könnte er auch anderweitig forschen......
Ich glaube eher, daß dieser Kay-Uwe, der glaubt ,Geld für sein Gedicht bekommen zu können ,für einen Menschen steht, der den Nimbus des Regimekritikers haben will so wie Brose den Nimbus des Regimekritiker-Retters gerne hätte. Sozusagen 2 Antihelden , einer aus Ost einer aus West, die beide ihr Fett wegkriegen.

 

Ich glaube eher, daß dieser Kay-Uwe, der glaubt ,Geld für sein Gedicht bekommen zu können ,für einen Menschen steht, der den Nimbus des Regimekritikers haben will so wie Brose den Nimbus des Regimekritiker-Retters gerne hätte. Sozusagen 2 Antihelden , einer aus Ost einer aus West, die beide ihr Fett wegkriegen.

Sehr schön gesagt, und so paßt's auch zu Sparschuhs Antihelden-Thema.

 

Das mit dem Spitzel, glaube ich nicht.
Einen Brose vom Spandauer Boten bespitzeln?

Naja, kann schon sein, dass ich da immer noch unter Verfolgungswahn leide :-)

 

Broses, Chamissos und Heimbewohners Leben in Anekdoten erzählt funktioniert nicht so richtig für mich. Mir ein bisschen fehlt der Handlungsfaden im"Leben kostet viel Zeit".

Mir geht es ähnlich.
Jetzt im letzten Viertel kommt doch noch etwas Spannung auf: Was hat es mit der "inneren Zeitschleife" auf sich?
Die Anekdoten/Episoden ebenso wie die Exkurse (siehe mein Post weiter oben) funktionieren jedoch bei mir. Ich finde sie interessant zu lesen. Die (noch) schlimmeren Seiten des Alltags in so einem Seniorenheim, die spart(!) Sparschuh aus, und verfällt so nicht in Sarkasmus.

 

Die innere Zeitschlaufe....habe da noch mal reingelesen. Habe aber mehr so Assoziationen dazu. Ich glaube, Einhorn ist im Grunde Brose's älteres Selbst. In der Beschäftigung mit Chamisso finden sie sich. Und Brose's vermeintliches Alter und später dann Ende ist damit in gewisser Weise vorweg genommen. Beide sind nicht am " Tatsächlichen" in der wirklichen Zeit interessiert, sondern tragen die Gedanken zu einem Projekt vor sich her, leben in einer Art Ausnahmesituation, einer Zeitschleife????? Kommen damit aber nicht so wirklich zu Potte. Brose setzt zwar nach Einhorns Tod das Projekt fort, aber wo er damit landet....in einem neuen Nirgendwo....scheint mir schon absehbar. Das Handeln aber, das Wirkliche: die Gespräche mit den Senioren oder das Malefizspiel, die Ballonfahrt als Höhepunkt aber auch als Sehen von oben, wie klein doch alles ist, sind wichtig. In meinen Augen.
Nur daß auch wir etwas brauchen, was alles zusammen hält und dem Tun Sinn gibt.
Das ist bei Sparschuh nicht eine politische Ideologie, nicht eine Religion, sondern vielleicht die Suche des reflektierenden Menschen nach Sinn an sich.

 

Nirgendwo....scheint mir schon absehbar.

Ich denke, wir halten doch das konkrete Ergebnis seiner Neuorientierung in Händen, das Buch, das wir lesen. Auch so eine Schleife. Ich finde, dass seine Arbeit in der Lebenslauf-Firma eher so ein paradoxer Irrweg ist: Alte oder ihre Verwandten mit mehr oder weniger schematischen Memoiren das Gewissen zu beruhigen oder das Gefühl von Bedeutsamkeit zu verkaufen, finde ich ziemlich zweifelhaft, da bemüht sich Brose wenigstens um Menschlichkeit, für seine Kollegen sind das nur "Projekte".

 

Sparschuh landet nicht im Nirgendwo. Er ist der Autor. Den ich völlig interessant finde.
Brose mit seiner menschlichen Herangehensweise an Arbeitsprojekte, für die man Geld kriegt, ist mir sehr sympathisch. Es ist ja absehbar, daß er zumindest zeitweise verschwindet aus dem Ll- Büro, entweder einfach nicht wiederkomnt oder gekündigt wird. Folgerichtig, weil er sich nicht anpaßt und lieber ein Suchender bleibt. Im Nirgendwo ist für mich nicht rein negativ. Es bedeutet im Geistigen und das ist immer interessant und auch für mich lebenswichtig. Aber wie lebt er seine Abkehr von entmenschlichten Strukturen dauerhaft ? Das finde ich die ! interessante Frage. Also Brose.
Sparschuh ist ein Querdenker, er lehrt an Universitäten, er schreibt und lehrt , eröffnet Welten. Brose ist im nicht-akademischen wilden Geldverdienleben, und wird vermutlich aufgefangen von seiner Claudia. Lehrerinnen haben ja genug Geld für zwei.....aber wie entwickelt Brose sich geistig weiter ? Steht er dazu, manifest ein Outlaw zu sein.....? Und ist er damit zufrieden? Sogar glücklich? Das würde mich sehr interessieren.
Aber sicher begegnen wir ihm unter anderem Namen wieder😊.

 

Ich finde, dass seine Arbeit in der Lebenslauf-Firma eher so ein paradoxer Irrweg ist: Alte oder ihre Verwandten mit mehr oder weniger schematischen Memoiren das Gewissen zu beruhigen oder das Gefühl von Bedeutsamkeit zu verkaufen, finde ich ziemlich zweifelhaft ...

Ich finde das zu pauschalisiert.
Solche Biographien können sehr zur Generationenversöhnung beitragen, wenn Senioren (endlich) aus ihrem Leben erzählen oder eben schreiben, allein oder mit Unterstützung. Ich denke da vor allem an die Generation der Kriegskinder.

da bemüht sich Brose wenigstens um Menschlichtkeit ...

Und das ist etwas, was ich aus dem Buch mitnehme. Wie behutsam er mit seinen Mitmenschen umgeht, wenn manchmal auch sein Beinaheverzweifeln durchschimmert.
Ich finde jedoch, daß Sparschuh eigentlich alle Figuren so zeichnet, daß sie sich wirklich um Menschlichkeit bemühen, Frau Schwartze zum Beispiel, die wirklich viel Verantwortung hat, und offen geblieben ist. Und Melanie, und Iris. Nur bei Herrn Schulze, da finde ich, ist er ziemlich hart.

 

Solche Biographien können sehr zur Generationenversöhnung beitragen, wenn Senioren (endlich) aus ihrem Leben erzählen oder eben schreiben, allein oder mit Unterstützung. Ich denke da vor allem an die Generation der Kriegskinder.

Da stimme ich zu, vorausgesetzt, es wird auch zugehört. Aufgeschrieben, gebunden, Geld hingeblättert und aus, Geschäft abgewickelt - das hat für mich nichts mit Generationendialog zu tun.

 

allerdings macht es für die Handlung, so wie sie ist, keinen Unterschied, ob Kay-Uwe als Spitzel oder aus irgendwelchen anderen Gründen nach Westberlin reiste, oder?

Es wäre für mich eine pfiffige Ergänzung : Brose fühlte sich ja in Westberlin unfrei, eingesperrt und genießt jetzt sehr die Möglichkeit, die Stadt beliebig zu verlassen. Wenn er selber auch noch im Visier der DDR -Sicherheitsbehörden (als mögliche Informationsquelle) gewesen wäre, würde das sein Empfinden unterstreichen.

 

Solche Biographien können sehr zur Generationenversöhnung beitragen, wenn Senioren (endlich) aus ihrem Leben erzählen oder eben schreiben, allein oder mit Unterstützung.

Da stimme ich zu, vorausgesetzt, es wird auch zugehört.

Stimmt. Ja.
Bei einigen Projekten haben ja die Kinder oder Enkel bezahlt, da würde ich dann schon auch Interesse unterstellen.
Aber auf jeden Fall Danke für diesen Hinweis! Geben und Nehmen, Ying-Yang.

Jetzt kommt der Book-Talk doch noch in Schwung, und wird bereichernd :o)

 

Ein Zitat von Henning Mankell will ich noch einfügen, weil es dabei um die ja für die Sparschuh- Helden wichtige Beschäftigung (Arbeit, Passion, Sinnhaftigkeit) geht:
" Die zentrale Kraft meines Lebens ist die Arbeit. Es ist so.
Wenn Sie Flügel haben, fliegen Sie."

 

Ost-West....das ist spannend. Lerne den "Osten " aber jetzt erst stückchenweise kennen, wo er lange schon "abgewickelt" ist, wie mir jeder, mit dem ich sprach in Tangermünde bei Stendal sagte.
Vor der Einkassierung war ich nur im Eichsfeld bei Verwandten einer Bekannten und fand es furchtbar. Reaktionär bis in die Bäume hinein. Die Grenzübergänge nach Berlin waren für mich, wie ich mir die faschistischen Anfänge vorstellte. Greulich.

 

Da passt ja wieder das Sparschuhzitat von weiter unten: Man muss es schon selbst erlebt haben, um es nicht zu verstehen. Ich habe beim Nachlesen der Kay-Uwe -Stelle nochmal richtig mit den alten Leutchen wegen des Verlustes ihres Wochenendhäuschens mitgelitten.

 

Ja klasse dieses Zitat:
Man muß es schon selbst erlebt haben, um es nicht zu verstehen.

 

Ja klasse dieses Zitat:
Man muß es schon selbst erlebt haben, um es nicht zu verstehen.

Dieser Satz fiel mir auch auf.
Aber war es im Buch oder hier weiter oben als Zitat aus dem Zimmerspringbrunnen?
Ich kann es gerade in meinem Buch nicht finden. Wer kann mir helfen mit Kapitel oder Seitenzahl? Danke.

 

Das ist aus dem Zimmerspringbrunnen.

 

Ich habe beim Nachlesen der Kay-Uwe -Stelle nochmal richtig mit den alten Leutchen wegen des Verlustes ihres Wochenendhäuschens mitgelitten.

Ich auch. Wobei das ja nicht so ost-spezifisch ist. Bei jeder Änderung der äußeren Umstände kann es sein, daß Menschen feststellen müssen, das etwas, worauf sie viel Lebenszeit verwendet haben, plötzlich wertlos geworden ist.

 

Ich habe beim Nachlesen der Kay-Uwe -Stelle nochmal richtig mit den alten Leutchen wegen des Verlustes ihres Wochenendhäuschens mitgelitten.

Ich auch. Wobei das ja nicht so ost-spezifisch ist. Bei jeder Änderung der äußeren Umstände kann es sein, daß Menschen feststellen müssen, das etwas, worauf sie viel Lebenszeit verwendet haben, plötzlich wertlos geworden ist.

Ja, das stimmt. Solche Entwertungen von Lebensleistungen muss wohl jeder ertragen.Aber ich weiß nicht, ob sich ein Alt-Bundesbürger oder ein eingeborener Gegenwartsbundesbürger vorstellen kann, wie der Bau so eines einfachen Wochenendhäuschens (z.B.) das Leben eines DDR-Bürgers in Anspruch genommen hat. Das hat der Sparschuh hier mal schön für die Nachwelt festgehalten.

 

Morgen gebe ich das verlängerte Buch mit Brose an einen Freund aus ursprünglich Thüringen weiter. Habe es jetzt 2mal durch und kann es ja immer mal wieder aus der Bücherei holen.

 

Hast du meine PM bekommen? Kannst den"Zimmerspringbrunnen" haben. Ich lese jetzt mal was anderes, aber Sparschuh ist vorgemerkt. Der macht schon Spass.

Nochmal zum Buch: ich denke, dass das Buch, das wir lesen, das ist, was Brose schreibt. Am Schluss heißt es doch irgendwo, das er ein Buch über sich, seine Arbeit und Chamisso schreiben will und Hitzig ja auch in der 3. Person von sich selbst geschrieben hat. Wahrscheinlich neige ich zum Überinterpretieren.....

 

Nein, du hast recht, das ist Broses Plan. Und vielleicht ist das auch für Brose die Lösung. Freischaffender Schriftsteller ohne Anstellungskompromisse.

 

Habe Pm schon vorgestern beantwortet.....nicht angekommen?
Ich schreibe sie hierhin.
Und lösche sie heute Abend oder morgen wieder.

Und willst du das Buch Eins zu Eins haben. Schicke ich dir gerne.

 

Bis zum "Dienstag, 4.Juli" habe ich täglich nur ein Kapitel gelesen, also immer auch genau einen Tag Broses betreffend.
Eine selbst gewählte Entschleunigung. So konnte bei Brose und bei mir Zeit verstreichen...
Nachdem Brose von Einhorn den Auftrag für die Leipzig-Reise erfahren hatte, und ihn danach auch nicht mehr wiedersah, wurden die Kapitel kürzer, und ich las den Roman-Schluß, mit Lores Ballonfahrt und Broses Neuorientierung dann gestern hintereinander weg.

Zu der in Chamissos Gedicht "Dampfroß" (siehe Link bei meinem Buch, da wird's vorgetragen:) beschriebenen Überforderung mit der Geschwindigkeit:
Die wurde in den Anfängen der Eisenbahn häufiger thematisiert. Es gab Ärzte, die dringend davon abrieten, auf diesen schnellen Maschinen mitzufahren. Ebenso später bei den Automobilen...
Ich habe eine eigene kleine Anekdote dazu: vor zwanzig Jahren wanderte ich mit einer Freundin durch Brandenburg, mit Zelt und Schlafsack im Gepäck. Als wir nach einer Woche eine Teilstrecke mit dem Bus nahmen (nehmen mußten? waren wohl unplanmäßig langsam unterwegs;D) wurde mir schwindelig, alles raste draußen vorbei, Bäume, Häuser, Felder, alles wirbelte durcheinander, ich wollte, daß die Welt wieder anhält!

 

Ich kann mir das vorstellen mit der schwindelerregenden Beschleunigung. Nach Berlin fahre ich z. B wenn's irgendwie geht, Sparpreis noch vorrätig, mit dem IC. Statt ICE. Da erwischt man öfter noch son olles klappriges Ding, sogar mit öffnenbaren Fenstern!, die Fahrenden sind entspannter, scheint mir , und wenn man Glück hat fährt man mit dem Amsterdamer , und egal, ob ein Stellwerk lahm gelegt ist oder sonstwie eine Umleitung gefahren werden muß, so daß man leicht doppelt so lang unterwegs ist,
die Holländer bleiben völlig gelassen. Dabei haben sie den weitesten Weg . Erstaunlich. Jedenfalls schon dreimal so gewesen in einem Wagen fast nur mit Niederländern.

 

Nach Berlin fahre ich z. B wenn's irgendwie geht, Sparpreis noch vorrätig, mit dem IC. Statt ICE. Da erwischt man öfter noch son olles klappriges Ding, sogar mit öffnenbaren Fenstern!, ... und wenn man Glück hat fährt man mit dem Amsterdamer, ... die Holländer bleiben völlig gelassen. Dabei haben sie den weitesten Weg. Erstaunlich.

Den kenn' ich, den nehm' ich auch manchmal. Nur erst ab Wolfsburg.
Im Moment ist der ICE übrigens sowieso genauso schnell/langsam wie der IC.

 

Der fliegende Holländer😊nur zu Lande

 

Dann sind wir also alle durch vorerst mit Sparschuh? Mit dem Zeitbuch?

Sparschuh hat bei mir ganz viele schon bestehende Fragen, was Lebensgestaltung angeht, unterhaltsam auf den Punkt gebracht.
Ich lebe seit über einem Jahr sehr entschleunigt und meine immer noch, eigentlich nicht genug Zeit zu haben. Liegt dann mal aber eine große Etappe viel viel Zeit vor mir, befiehlt mir ein innerer Zensor, damit jetzt auch viel anzufangen. Was mir dann aber überhaupt nicht gelingt.
So wird mich Sparschuh noch einige Zeit begleiten- mit dem Zimmerspringbrunnen dann, auch wenn ich jetzt wieder einiges andere lese.

 

Ich würde sehr gern noch mehr von Sparschuh lesen.
Kann jemand die "Putz- und Flickstunde" verleihen?
Oder den "Zimmerspringbrunnen"?

 

Ja, wenn du ein bißchen wartest, leihe ich dir den Zimmerspringbrunnen. Hat mir Naliestewieder gerade geschickt. Ich lese es als nächstes. Schicke schon mal deine Adresse per pm.

 

Oh Gott, der Zimmerspringbrunnen macht mich fertig. Dieser Lobek ist ja schon zu Anfang völlig fertig mit der Welt....zwischen den Büchern liegen 8 oder 10 Jahre. Ich finde das Buch ganz fürchterlich. Zum Depressionen kriegen. Und lachen konnte ich nicht einmal.
So unterschiedlich wirken Bücher auf Menschen.
Also Urfin, ich schicke es dir, wenn ich deine Adresse habe.

 

Oh Gott, der Zimmerspringbrunnen macht mich fertig. ...
Also Urfin, ich schicke es dir, wenn ich deine Adresse habe.

PM gerade verschickt. Danke schonmal.

 

Also Urfin, ich schicke es dir, wenn ich deine Adresse habe.

PM gerade verschickt. Danke schonmal.

Das Buch ist schon da :o)
und weil's zu Putz- und Flickstunde keine Reaktion gab, habe ich es erst einmal auf meine wishlist gesetzt.

Nachtrag: Inzwischen selbst erworben, über booklooker.de

 

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