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[Lifetime Challenge] Leben und Lesen mit der Überlebensbibliothek
by Rainer Moritz | Philosophy
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Journal Entry 1 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Sunday, July 20, 2008

10 out of 10

Die Überlebensbibliothek - Bücher für alle Lebenslagen

Eine seltsame Macht scheint von Romanen auszugehen, auf verschlungene Art und Weise berühren sie uns und verbinden sich mit unserem Leben. Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses und auch sonst nur unwesentlich mit anderem beschäftigt als mit Lesen, stellt in der Überlebensbibliothek für fast alle Lagen des Lebens jene kleinen und großen Geschichten der Weltliteratur vor, denen diese Macht innewohnt.

Soweit der Klappentext. 66 Bücher stellt Moritz vor, von Thomas Mann über Erich Kästner bis Herman Melville. Ich persönlich bedauere ja sehr, dass Jane Austen zwar im Vorwort auftaucht, für's Überleben aber scheinbar nicht wichtig genug war (für's Vergnügen aber unentbehrlich ist, finde ich). Dafür versöhnt mich der Kästner (also: Erich). Und Helene Hanff. Die meisten Bücher aber kenne ich nicht. Nun, das lässt sich ändern. In der passenden Lebenslage, versteht sich. Wann die kommt? Man weiß es nicht. Daher das Ziel: Im Laufe meines Lebens bei passender Gelegenheit das passende Buch zu lesen. Es sind zwar nur 66 Stück, das ließe sich theoretisch sogar in einem LebensJAHR machen. Aber ein Buch, das zum Renteneintritt empfohlen wird, zum Renteneintritt zu lesen, bedarf dann eben etwas mehr Zeit. Ob es bookcrossing so lange gibt? Wir werden sehen ... Ob es alle angesprochenen Lebenslagen jemals geben wird? Auch das werden wir sehen ... Ansonsten soll Lesen ja auch dann bilden, wenn man nicht in einer akuten Notlage ist, die ein Überlebensbuch notwendig macht.

Nachtrag im März 2010
Wer Lust hat, auch noch in anderer Leute Überlebensbibliothek zu schmökern, wird inzwischen unter anderem bei Amandil fündig und kann sich die Journale in diesem Bookring anschauen.

Nachtrag im Mai 2012
Ich habe eben meinen ersten Eintrag zur Überlebensbibliothek seit meinem Umzug nach Indien geschrieben. Und festgestellt, dass ich mich in meinen Journalen, die manchmal schon kleine Blogs sind, auch immer wieder auf meinen Wohnort beziehe. Da der bei jedem Umzug automatisch für alle Journale geändert wird, sind manche Dinge dann nicht mehr unbedingt nachvollziehbar. Deswegen werden alle Journale am Ende um meine jeweilige Heimat zur Zeit der entsprechenden Lektüre ergänzt. 


Journal Entry 2 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Monday, July 21, 2008

10 out of 10

Die Überlebensbücher
[bisher gelesen: 28 von 66; abgebrochen: 1]

Mit sich selbst zurechtkommen
Wer sich selbst unterschätzt, lese:
Hans Christian Andersen, Das hässliche Entlein gelesen
Wer davon träumt, auf würdige Weise alt zu werden, lese:
Theodor Fontane, Der Stechlin
Wer als Übergewichtiger, Neureicher oder Brillenträger Trost braucht, lese:
René Goscinny, Der kleine Nick gelesen
Wer sein musikalisches Unvermögen beklagt, lese:
Franz Grillparzer, Der arme Spielmann
Wer sich selber fad, langweilig und unattraktiv findet, lese:
Marlene Faro, Die Vogelkundlerin
Wer in Rente geht, lese:
Heimito von Doderer, Die erleuchteten Fenster
Wer die eigene Kindheit für unbedeutend hält, lese:
Gerhard Henschel, Kindheitsroman
Wer - bevor die Erinnerungen einsetzen - etwas über die Art der Sich-Erinnerns erfahren will, lese:
Marcel Proust, Combray

Mit Schwächen und Lastern leben
Wer unter Eifersucht leidet, lese:
Marcel Proust, Eine Liebe Swanns
Wer für seinen Fußballwahn eine intelligente Begründung sucht, lese:
Friedrich Christian Delius, Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde
Wer nicht alle dicken Bücher aller Autoren lesen kann und etwas für zwischendurch sucht, lese:
Thomas Mann, Das Eisenbahnunglück gelesen
Wer heftig nach Geld und Gut strebt, lese:
F. Scott Fitzgerald, Der große Gatsby gelesen
Wer abschreckende Beispiele von Völlerei zur Einhaltung seiner gesunden Lebensweise benötigt, lese:
Siegfried Lenz, Kummer mit jütländischen Kaffeetafeln gelesen
Wer dem Verzehr von Geflügel feindlich gegenübersteht, lese:
Burkhard Spinnen, Langer Samstag gelesen
Wer dem Verzehr von Geflügel aufgeschlossen gegenübersteht, lese:
Wolf Haas, Der Knochenmann
Wer Sorgen mit Likör bekämpft, lese:
Wilhelm Busch, Die fromme Helene

Das Leben bestehen, im Kleinen wie im Großen
Wer die Wirklichkeit nicht gegen Träume ausspielen will, lese:
Henri Alain-Fournier, Der große Meaulnes
Wer von der Allmacht der Bücher noch nicht ganz überzeugt ist, lese:
Helene Hanff, 84, Charing Cross Road gelesen
Wer dazu neigt, die gleichen Fehler wieder und wieder zu begehen, lese:
Patrick Hamilton, Hangover Square
Wer das Telefon als menschenunwürdiges Kommunikationsmittel ablehnt, lese:
Karl Valentin, Buchbinder Wanninger
Wer der Welterkenntnis beim Spazierengehen auf die Schliche kommt, lese:
Gerhard Meier, Land der Winde
Wer ein Entkommen aus dem Berufsleben sucht, lese:
Herman Melville, Bartleby gelesen
Wer nicht glaubt, dass traurige (Lese-)Erfahrungen glücklich machen können, lese:
William Trevor, Turgenjews Schatten
Wer Ruhe sucht und alle Dinge ernst nimmt, lese:
Adalbert Stifter, Der Nachsommer
Wer in Erwägung zieht, ein Häuschen vor der Stadt zu beziehen, lese:
Richard Yates, Zeiten des Aufruhrs

Sich an fremde Orte begeben
Wer die Heimat nicht vergessen will, lese:
Maria Beig, Rabenkrächzen gelesen
Wer vom guten Leben in der Provinz träumt, lese:
Egon Gramer, Gezeichnet: Franz Klett gelesen
Wer Belgien unterschätzt, lese:
Brigitte Kronauer, Verlangen nach Musik und Gebirge abgebrochen - zwei Mal
Wer Schafe (und Island) gerne hat, lese:
Hallgrímur Helgason, Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein gelesen
Wer einen Wüstentrip gebucht hat und damit nicht recht glücklich wird, lese:
Karen Duve, Regenroman gelesen
Wer altmodisches Reisen schätzt, lese:
Erhart Kästner, Ölberge, Weinberge

Mit anderen Menschen zurechtkommen (oder auch nicht)
Wer seine Mitmenschen für tolle Typen hält, lese:
Sibylle Berg, Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot gelesen
Wer weiß, dass nur Freunde das Leben lebenswert machen, lese:
Sammy Drechsel, Elf Freunde müsst ihr sein
Wer sich scheut, mit seinen Kindern zusammenzuleben, lese:
Julien Green, Adrienne Mesurat
Wer beabsichtigt, dauerhaft mit seiner Mutter zusammenzuleben, lese:
Elfriede Jelinek, Die Klavierspielerin
Wer einfach nur angerührt werden möchte, lese:
Carson McCullers, Das Herz ist ein einsamer Jäger gelesen
Wer von einer Abhängigkeit in die nächste rutscht, lese:
Brigitte Schwaiger, Wie kommt das Salz ins Meer gelesen

Über Gott und die Welt nachdenken
Wer mal wieder an die Durchschaubarkeit der Welt glauben will, lese:
Arthur Conan Doyle, Ein Skandal in Böhmen gelesen
Wer manchmal an seinen Familienerinnerungen irrewird, lese:
Kirsty Gunn, Regentage
Wer zuhören will, wie sich gesellschaftliche Werte auflösen, lese:
Arthur Schnitzler, Leutnant Gustl
Wer den Glauben an persönliches Engagement wenigstens ab und zu gestärkt sehen will, lese:
Antonio Tabucchi, Erklärt Pereira gelesen
Wer an der Gerechtigkeit der Welt (ver)zweifelt, lese:
Friedrich Glauser, Wachtmeister Studer
Wer seinen artigen Kindern etwas (aber nicht zu viel) Auflehnungsgeist einzuflößen wünscht, lese:
Mark Twain, Tom Sawyers Abenteuer

Im Durcheinander von Erotik, Sex und Liebe klüger werden
Wer darüber nachdenkt, sich dauerhaft mit Juristen einzulassen, und an deren Weltsicht zweifelt, lese:
Albert Drach, Untersuchung an Mädeln
Wer Pro- und Contra-Argumente für das moralisch noch nicht völlig akzeptierte Leben mit zwei Partnern sucht, lese:
Wilhelm Genazino, Die Liebesblödigkeit gelesen
Wer darauf spekuliert, das Glück anderswo zu finden, lese:
Eduard von Keyserling, Wellen gelesen
Wer lebenslängliches Liebesglück nicht für Hollywoodkitsch hält, lese:
Ian McEwan, Saturday gelesen
Wer liebt und nicht auf Erfüllung hoffen darf, lese:
Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther
Wer als Mann eigenen Torheiten vorbeugen will, lese:
Adolf Muschg, Noch ein Wunsch
Wer einer vergangenen Liebe nachtrauert, lese:
Cees Nooteboom, Mokusei! gelesen
Wer Weib oder Mann seines/r Nächsten begehrt, lese:
Hans Erich Nossack, Spätestens im November
Wer daran glaubt, lese:
Hans-Josef Ortheil, Die große Liebe gelesen
Wer Sex am Alter für normal hält, lese:
Philip Roth, Sabbaths Theater
Wer Trennung für ein Unglück hält, lese:
Tim Krabbé, Drei auf dem Eis gelesen
Wer nicht genau weiß, warum es mit der ersten Liebe nichts wurde, lese:
Theodor Storm, Immensee gelesen
Wer ein wunderbare Geschichte der "ersten Liebe" kennen lernen möchte, lese:
Martin Walser, Ein springender Brunnen
Wer sich als "homme à femmes" sieht, lese:
Stephen Vizinczey, Wie ich lernte, die Frauen zu lieben

Mit existenziellen Erfahrungen zurechtkommen
Wer ahnt, dass jeder für sich allein stirbt, lese:
Erich Kästner, Fabian gelesen
Wer die Angst vor dem Tode ein wenig verlieren möchte, lese:
Hermann Lenz, Verlassene Zimmer
Wer noch mehr Angst vor dem Tode verlieren möchte, lese:
Klaus Modick, Moos
Wer eine Schuld abzutragen hat und nicht weiß, wie, lese:
William Maxwell, Also dann bis morgen
Wer sich mit dem Tod des Partners nicht abfinden kann, lese:
Georges Rodenbach, Brügge tote Stadt
Wer die Mutter verliert, lese:
Peter Handke, Wunschloses Unglück gelesen
Wer den Vater verliert, lese:
Matthias Politycki, Tag eines Schriftstellers
Wer nirgendwo mehr ein Hoffnungslichtlein sieht, lese:
Karen Duve, Weihnachten mit Thomas Müller gelesen

Zuletzt ein Hinweis auf Nebenwirkungen ...
Wer erfahren will, dass Lesen nicht automatisch eine persönlichkeitsfördernde Beschäftigung sein muss, lese:
Gustave Flaubert, Madame Bovary gelesen 


Journal Entry 3 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Wednesday, July 23, 2008

10 out of 10

Wer von der Allmacht der Bücher noch nicht ganz überzeugt ist, lese:
Helene Hanff, 84, Charing Cross Road


Natürlich bin ich von der Allmacht der Bücher überzeugt! Frau Hanff steht daher schon länger in meinem Regal, wurde von mir zudem schon einmal registriert, da bot es sich einfach an, sie zum Auftakt dieser Reihe noch einmal zu lesen. Zumal das Bändchen recht schmal ist - zu schmal, eigentlich. Hanff hat eine wunderbare Art, zu schreiben. Frank Doel musste sich von seiner liebsten Kundin einiges gefallen lassen: "Was fangen sie eigentlich den lieben langen Tag an mit sich? Setzen Sie sich ins Hinterzimmer des Ladens und lesen? Warum versuchen Sie nicht mal, jemandem ein Buch zu verkaufen?" Für Bücherliebhaber ist dieses Buch der ideale Schmöker! Ebenso für Leute, die noch gute altmodische Briefe per Post schätzen. Und für alle, die an die Freundschaft glauben.

P.S. Frau Hanff liebt Austen! Ihre Romane akzeptiert sie als einzige, wo sie sonst doch nach eigenen Angaben kein Interesse daran hat, sich am erfundenen Leben erfundener Personen zu ergötzen.

Bochum 


Journal Entry 4 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Wednesday, July 23, 2008

7 out of 10

Wer ahnt, dass jeder für sich allein stirbt, lese:
Erich Kästner, Fabian


Kästners Fabian habe ich schon vor längerer Zeit gelesen und auch mehrere Ausgaben registriert. Ich würde aber mal sagen: Es ist nun an der Zeit, ihn noch einmal zu lesen - und Kästner geht schließlich immer! Neuere Eindrücke zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle.

10. August 2008 - nach erneuter Lektüre
Ich hatte vergessen, dass Kästner, der ja meist eher humorig daherkommt, so böse und pessimistisch sein kann. Und ich hatte auch vergessen, dass sein Frauenbild manchmal doch recht fragwürdig ist. Hätte es sie damals schon gegeben, in Kästners Schrank hätte bestimmt eines dieser T-Shirts mit der Aufschrift "Alles Schlampen (außer Mutti)" gehangen. Bis auf Fabians Mutter sind alle Frauenfigure in diesem Buch sehr abwertend dargestellt. Von der Besitzerin eines Männerbordells über diverse Lesben (an denen der Autor kein gutes Haar lässt) bis zu Fabians Freundin Cornelia, die ihn verlässt und sich eine Karriere erschläft. Da kommt viel von Kästners eigenem Frust durch, wie auch sonst viele autobiographische Anklänge da sind. Die habe ich zum Teil als sehr störend empfunden, weil sie auch immer wieder in den Kinderbüchern auftauchen, so dass sie mir hier unpassend schienen. Aber da bin ich sicherlich ein voreingenommene Leserin, da ich mich mit Kästners Biographie und deren Einfluss auf sein Werk im Studium ausführlich beschäftigt habe. Andere werden das sicherlich nicht so extrem empfinden.

Kästners Hauptfigur, Fabian, ist ein seltsamer Vogel. Er ist ein Moralist, ja, aber seine Moral drängt ihn nie dazu, das Richtige zu tun. Sondern nur dazu, das Falsche zu lassen. Fabian ist schrecklich passiv, er wird gelebt, manchmal möchte man ihn am Kragen packen und schütteln, damit er endlich aufwacht. Um eine sympathischer Looser zu sein, geht er dann aber wieder mit zu vielen Frauen ins Bett und macht sich so seine Gedanken über die Damen (s. oben). Das ist nicht immer stimmig, auch wenn der Roman sonst sehr gut die Stimmung seiner Zeit wiedergibt. Auf heutige Leser wirkt er anheimelnd altmodisch, auch wenn es einige Szenen gibt, die noch erstaunlich modern sind, etwa die Erfindungen, die die Leute wegrationalisieren.

In einer Kästnerbiographie hieß es einmal sinngemäß, dies sei der einzig literarisch ambitionierte Roman Kästners, das ist sicherlich richtig. Damit wirkt der Fabian auf Kästner-Liebhaber immer ein bißchen wie ein Fremdkörper in Kästners Werk. Zwar gibt es noch eine ganze Reihe ähnlich bissiger Gedichte, Kästners übrige Bücher aber unterscheiden sich extrem von diesem. Trotzdem ein lesenswertes, wenn auch gewöhungsbedürftiges Buch.

Bochum 


Journal Entry 5 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Thursday, July 24, 2008

7 out of 10

Wer Pro- und Contra-Argumente für das moralisch noch nicht völlig akzeptierte Leben mit zwei Partnern sucht, lese:
Wilhelm Genazino, Die Liebesblödigkeit


Herrn Genazino habe ich gelesen, bevor ich die Überlebensbibliothek anschaffte, dass er unter diesem Aspekt (s.o.) hier verzeichnet ist, war mir also zur Zeit der Lektüre nicht klar, bietet sich aber natürlich an. Ich las Die Liebesblödigkeit als Bookring, und mein Fazit lautete schlicht: Geschichte eher mau, sprachlich aber sehr schön. Von daher eine Bereicherung meines Lesehorizontes, meinen Beziehungshorizont muss ich nun aber nicht zwingend entsprechend erweitern.

Bochum 


Journal Entry 6 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Friday, August 01, 2008

8 out of 10

Wer ein Entkommen aus dem Berufsleben sucht, lese:
Herman Melville, Bartleby


Nun, nicht mehr arbeiten zu müssen, das wünschen wir uns doch (fast) alle mehr oder weniger oft. Melville liefert - soviel sei gleich gesagt - keine Anleitung dazu. Er erzählt nur die Geschichte eines Kopisten, der einfach mal "nein" sagt, als der Chef ihm eine Arbeitsanweisung gibt. Und damit durchkommt. Und immer öfter ertönt aus seiner Ecke dieses "Ich möchte lieber nicht". Klingt zunächst gut, nimmt aber kein gutes Ende. Also keine gute Empfehlung. Aber eine interessante Lektüre. Ich habe bisher nie etwas von Melville gelesen, wenn man mal von einer für Kinder bearbeiteten Moby Dick-Variante absieht. Ich habe eher dröges Schreibwerk erwartet. Und war dann positiv überrascht, wie amüsant Herr Melville ist. Vielleicht wage ich mich doch noch einmal an Moby Dick, diesmal in der unbearbeiteten Variante.

Bochum 


Journal Entry 7 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Sunday, September 07, 2008

7 out of 10

Wer nicht alle dicken Bücher aller Autoren lesen kann und etwas für zwischendurch sucht, lese:
Thomas Mann, Das Eisenbahnunglück


Der modernen Technik (und Aprille) sei Dank, habe ich mir Das Eisebahnunglück von Herrn Mann persönlich vorlesen lassen. Und dabei einmal mehr gemerkt, dass ich eindeutig ein Selberleser bin. Mann liest ganz nett, auch wenn es mir manchmal etwas zu gekünstelt erschien, vor allem für eine Geschichte in der Ich-Form. Inhaltlich aber eine sehr schöne Novelle, geradzu verspielt, was ich von Mann in diesem Maße bisher nicht kannte. Auch wenn der Titel schwere Kost vermuten lässt, ist es im Gegenteil eine Geschichte, die oft schmunzeln lässt. Manchmal stolpert man geradzu über herrliche Formulierungen, im Moment des Unglücks etwa heißt es "ich hatte Muße, mich zu fürchten". Eine schöne kleine Geschichte, die Lust macht, doch nochmal den Felix Krull aus Schulzeiten zu lesen.

Bochum 


Journal Entry 8 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Sunday, September 28, 2008

7 out of 10

Wer einer vergangenen Liebe nachtrauert, lese:
Cees Nooteboom, Mokusei!


Es war einmal eine Bookcrosserin, nennen wir sie blups25, die einem Kollegen von bookcrossing erzählte. Kollege D. war Feuer und Flamme - allein, er spricht kein Englisch. Deutsche Hilfe hin oder her, die Seite ist ihm so zu kompliziert, die Idee will er trotzdem unterstützen. Unter anderem steht er Schmiere, wenn ich in der Mittagspause oder auf dem Betriebsausflug Bücher freilasse, fungiert als Bücher-Kurier und ist immer auf der Suche nach Nachschub für mich. Kürzlich nun brachte er mir zwei Bananenkisten voller Bücher mit, Reste des Bücherflohmarktes in seiner Kirchengemeinde. Großzügig ließ ich meine Kollegen Bücher mitnehmen, so dass ich am Ende mit "nur noch" einer Kiste Bücher da stand. Zu den beiden Büchern, die ich mir vorab für mich raussuchte, gehörte Mokusei!.

Ehrlich gesagt, habe ich drei literarische Begegnungen mit Herrn Nooteboom hinter mir - und keine konnte mich wirklich überzeugen. Aber ich sah das Buch und irgendwie war mir, als müsse mir der Titel was sagen. Ich strengte mein nun fast 34-jähriges Hirn an (ja, wir werden alle nicht jünger) und irgendwann klickte es: Mokusei! steht auf der Liste der Überlebensbibliothek-Bücher! Schnell nachgeblättert, unter welchem Stichwort ... nun ja, dieses Buch kommt nicht ganz unpassend (über die weiteren Details schweigen wir an dieser Stelle taktvoll).

Und so begleitete Herr Nooteboom mich diese Woche auf einer Bahnfahrt nach Berlin, auf der passenderweise ein paar Niederländer in der Reihe hinter mir saßen. Eine Liebesgeschichte lautet der Untertitel dieses Buches. Nun, es ist auch eine Liebesgeschichte. Vor allem aber ist es eine Geschichte über unterschiedliche Kulturen. Das stand für mein Empfinden im Vordergrund. Herr Moritz fabuliert in seiner Besprechung in der Überlebensbibliothek davon, dass vielleicht gerade Männer diese Fremdheit brauchen, damit eine Frau für sie besonders faszinierend wird, einen besonderen Reiz ausübt. Mag sein. Vielleicht liegt der Reiz dieser Liebe auch in der limitierten Ausdrucksfähigkeit, wie Nooteboom sie beschreibt: "Als er fertig war, sagte er: >>You are very beautiful.<< Das Begrenzte dieses Satzes gefiel ihm. Erst wenn die anderen wenig verstanden, konnten sie alles begreifen. Das war sehr beruhigend, Sprache verdarb unter Menschen gleicher Sprache viel, weil, dachte er, unweigerlich gelogen wurde, sobald man zu sprechen begann." Das klingt nicht ganz unrealistisch, finde ich.

Mokusei! hat mir besser gefallen, als die anderen Nooteboom-Bücher, an denen ich mich versucht habe (Allerseelen, In de bergen van Nederland und - sogar zweimal, auf deutsch und niederländisch - Het volgende verhaal/Die folgende Geschichte). Ich hätte dem Buch nicht unbedingt den Untertitel Eine Liebesgeschichte gegeben, auch wenn Nooteboom einige durchaus bemerkenswerte Dinge zur Liebe sagt, etwa: "Eine große Liebe, dieses unaussprechliche, von Banalität vergiftete Ding, begann wahrscheinlich mit dem Verlangen, sie zu erleben. Und dieses Verlangen hatte er schon sein Leben lang." Unter dem Aspekt der Fremdheit aber, aus dem Blickwinkel des Europäers auf Japan und die Japaner, ist dieses Buch interessant und lesenswert.

Bochum 


Journal Entry 9 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Saturday, October 04, 2008

5 out of 10

Wer darauf spekuliert, das Glück anderswo zu finden, lese:
Eduard von Keyserling, Wellen


Nun, Frl. blups hat sich gerade auf einen Job im Ausland beworben, das dürfte unter die Kategorie "sein Glück anderswo finden" fallen. Von daher kam dieses Buch, eine Leihgabe von Amandil, recht passend daher. Von Keyserling schreibt recht leise, seine Geschichte kommt ohne viel "Action" aus. Selbst ein Selbstmordversuch und ein tödlicher Unfall können den Autor scheinbar nicht aus der Ruhe bringen, Moritz spricht in der Überlebensbibliothek von "lautlosen Katastrophen". Das trifft es recht gut. Ich kann durchaus viel mit solchen Büchern anfangen. Mit diesem speziellen aber eher weniger. Während der Lektüre habe ich mich immer mal wieder gefragt, ob dieses Romänchen eine Satire sein soll. Die Generalin und die Baronin jedenfalls kamen mir manchmal etwas überzeichnet daher. Und Knospelius erst. Aber der gute Herr Graf von und zu Keyserling meint's wohl ernst. Also nehmen wir das Buch mal als Sittengemälde der damaligen Zeit. Nicht uninteressant. Aber auch nicht fesselnd.


Nachtrag im November: Frl. blups hat den Auslandsjob übrigens bekommen. : )

Bochum 


Journal Entry 10 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Sunday, November 30, 2008

5 out of 10

Wer lebenslängliches Liebesglück nicht für Hollywoodkitsch hält, lese:
Ian McEwan, Saturday


Der erfolgreiche Neurochirurg Henry Perowne erwacht am Samstag, den 15. Februar 2003, ungewöhnlich früh. Sein Leben ist nahezu perfekt. Er ist Ende vierzig, schon lange verheiratet und noch immer in seine Frau verliebt, hat einen angesehenen Beruf und zwei wohlgeratene talentierte Kinder. An diesem Samstagmorgen liegt etwas in der Luft, das über die angekündigte Demonstration gegen die Teilnahme der Briten am Irakkrieg hinausgeht. Trotzdem freut Perowne sich auf seinen freien Tag, auf sein wöchentliches Squash-Spiel und auf den Besuch seiner Kinder ...

McEwan packt in diesen einen Tag einen Lebens-Mikrokosmos. Perownes Tag entwickelt sich natürlich alles andere als normal, wobei McEwan die Geschichte für meinen Geschmack erst zu lange dahinplätschern lässt, bevor es zu einer Art "Showdown" kommt. Dann geht alles hubbeldiwupp - und plötzlich heißt es: Dieser Tag ist vorüber. Nun ja, das hatte mehr von Hollywood-Film denn von guter Literatur. Überhaupt: Ich mag McEwans Bücher sonst recht gern, weil sie sprachlich sehr schön sind (die Geschichten und vor allem die oft offenen Enden sind manchmal schon gewöhnungsbedürftig). Normalerweise kann ich mich gut auf ein McEwan-Buch einlassen, das sind wie Treffen mit guten Bekannten. Dieses hier schlägt etwas aus der Art, es vermochte mich nicht so zu fesseln, wie andere Werke von ihm. Dazu war es mir zu oft mit zu vielen Details vollgestopft. Zu viele Beschreibungen von Hirnoperationen und Sqash-Spielen. Zu viele Streitgespräche über den Irak-Krieg. Irgendwie zu viel von allem. Zwischendurch habe ich ein paar Mal überlegt, ob ich dieses Buch jetzt wirklich zu Ende lesen will. Ich hab's doch getan. Auch wenn ich nicht behaupten will, ich hätte viel verpasst, wenn ich aufgegeben hätte. Zu den paar Dingen, da man nicht verpassen sollte, gehören die kleinen Exkurse über Literatur. Perowne bekommt von seiner Tochter Daisy immer Bücher empfohlen, und diese Empfehlungen arbeitet er ab wie andere Leute Hausaufgaben machen. Und er philosophiert gelegentlich darüber, etwa: Anders als in Daisys Romanen sind die Augenblicke der Abrechnung im wirklichen Leben eher spärlich; Missverständnisse klären sich nur selten auf. Aber sie quälen einen auch nicht ewig. Sie verblassen nach und nach. (Seite 217).

Etwas erstaunt hat mich die Einordnung dieses Buches in der Überlebensbibliothek. Das lebenslängliches Liebesglück ist ein Aspekt der Geschichte, der definitiv nur eine kleine Randerscheinung war, wenn ich auch zugeben muss, dass die Beziehung von Perowne und seiner Frau Rosalind in der Tat sehr schön und doch unkitschig beschrieben ist.

Bochum 


Journal Entry 11 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Saturday, March 07, 2009

4 out of 10

Wer erfahren will, dass Lesen nicht automatisch eine persönlichkeitsfördernde Beschäftigung sein muss, lese:
Gustave Flaubert, Madame Bovary


Ach, das klang vom Lebensbibliotheks-Thema her so interessant! Und dann so eine Langeweile! Madame Bovary lässt sich ja gut an, aber auf Dauer ist die gute Dame doch - im wahrsten Sinne des Wortes - recht ermüdend. Ich habe Wochen gebraucht, um dieses Buch endlich, endlich auszulesen, weil ich immer nach spätestens einem Kapitel eingeschlafen bin. Und mit der Zeit wird Madame Landpomeranze auch leicht nervig. Als sie sich in Lieberkummer um ihren Rodolphe ergeht, beispielsweise. Das war so schrecklich kitschig. Gleichzeitig wollte ich die liebe kleine Emma gerne mal schütteln, damit sie wieder zu sich kommt. Oder die ganzen Wechsel, die sie unterschreibt. Da möchte man gerne mal fragen: "Mädel, wie blöd bist Du eigentlich?!" Keine Ahnung, warum das Weltliteratur ist. Und auch nicht, warum das in der Überlebensbibliothek unter den Risiken und Nebenwirkungen des Lesens geführt wird. Ja, Flaubert erwähnt ein paar Mal Bücher und dass Emma feststellen muss, dass das Leben nicht immer so ist, wie im Roman. Aber sind nun die Bücher an Emmas Ende schuld? Liegt es nicht auch an ihrem schwachen Mann und dem ländlichen Leben? Und haben wir nicht alle die Erfahrung machen müssen, dass in der Literatur manches anders ist als im wahren Leben? Nun ja, ich musste nun die Erfahrung machen, dass nicht alle hochgelobten Bücher der Überlebensbibliothek auch wirklich Spaß machen ...

Den Haag 


Journal Entry 12 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Wednesday, June 17, 2009

6 out of 10

Wer dem Verzehr von Geflügel feindlich gegenübersteht, lese:
Burkhard Spinnen, Langer Samstag


"Soll ich was mitbringen?", fragte der Besuch aus Deutschland. "Ein Buch Deiner Wahl aus der Überlebensbibliothek", bestellte ich. So landete Herr Spinnen bei mir. Der Herr war mir vollkommen unbekannt, bevor mir Die Überlebensbibliothek in die Hände fiel. Die Geflügelklassifizierung ist etwas gewöhnungsbedürftig und spielt auf eine bestimmte Szene an, über die ich - anders als Herr Moritz - gar nicht mal groß gestolpert bin. Übrigens: Ich stehe dem Verzehr von Geflügel nicht komplett feindlich gegenüber, nur der modernen Hennenhaltung. Bio-Hühnchen, die glücklich gackernd über die Wiese gelaufen sind, esse ich sehr wohl, wenn auch nur sehr selten.

Langer Samstag lässt sich locker weglesen, Hauptfigur Ulrich Lofart ist zwar nicht ganz mein Typ, aber nun ohnehin an seine Dorothee vergeben. Die wiederum fand ich sehr sympathisch, mit der könnte man mal ein Bier trinken gehen. Wie das Mädchen pragmatisch die Beziehung eröffnet, ist amüsant und zugleich bewundernswert. Der Gedankengänge des etwas schluffigen Lofert waren dagegen teils gewöhnungsbedürftig, ein paar Stunden mit einem Psychotherapeuten stünden dem Jungen durchaus gut zu Gesicht. Manche der kleinen Exkurse (vor allem der letzte) kamen etwas sehr plötzlich, über ihren Sinn und Zweck lässt sich durchaus streiten. Trotzdem eine geradezu vergnügliche Lektüre. Auch wenn Moritz sich in seiner Rezension in einer Sache irrt. Er behauptet: "Sage mir, wie sich eine Frau beim Verzehr von knusprig gegrilltem oder frittiertem Geflügel benimmt, und ich weiß, wer sie ist." Hühnchen ist da nicht maßgeblich - sondern Schokolade! Ist sie eine Schnellverputzerin? Eine auf-der-Zunge-Schmelzerin? Knabbert sie langsam oder beißt sie genußvoll-große Stücke ab? DAS ist der wahre Test!

Den Haag 


Journal Entry 13 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Tuesday, October 20, 2009

8 out of 10

Wer Trennung für ein Unglück hält, lese:
Tim Krabbé, Drei auf dem Eis


Mein Geburtstagsgeschenk von der literarisch umtriebigen Aprille (dank je wel!) brachte verfrüht den Winter mit sich, und mit ihm drei schlechte Schlittschuhläufer, wie das Buch im Original heißt (Drie Slechte Schaatsers). Warum schickte mir Aprille nun dieses Buch? Warum schickt sie einen niederländischen Autor in deutscher Ausgabe an eine des Niederländischen mächtige Deutsche, die zurzeit in den Niederlanden wohnt? Weil sie die Klassifizierung in der Überlebensbibliothek (für mich) passend fand? Weil sie das Buch ganz unabhängig von der Bibliothek gut fand? Herr Krabbé schreibt in seinem Buch so passend: Ein Zufall bedeutete immer etwas, aber diese Bedeutung musste man selbst auswählen.

Nein, ich halte Trennung nicht per se für ein Unglück. Aber ich bin auch Scheidungskind mit prä-Scheidungs-Trauma (sozusagen). Diese Trenung hier, die von Pieter und Elleke, verstehe ich aber nicht. Und Pieter selber scheinbar auch nicht. Er scheint in die Trennung reingerutscht (Glatteis?!), aber er scheint sowieso ein Mensch zu sein, der eher in Dinge "reinrutscht" und nicht unbedingt selber entschlussfreudig ist. Gleich zu Beginn des Buches traut er sich bei seinem ersten Ausflug auf dem Eis nicht weiter, weil das Eis noch unberührt ist und er Angst hat, einzubrechen. Später heißt es, er habe das Ausmalen unmöglicher Ereignisse von seinem 10-jährigen Sohn gelernt (sollte sowas nicht umgekehrt sein?), und in der eigenen Wohnung hat er auch keinen Heimvorteil (In Gesprächen konnte man verbergen, was man nicht zeigen wollte, aber die eigene Wohnung lag offen da.). Als er dann gegen Ende der Geschichte eine wichtige Entdeckung macht, teilt er diese nicht gleich Elleke mit, sondern schiebt das Gespräch noch ein paar Eisbahnrunden auf.

Das klingt nun sehr negativ, doch mir hat dies kleine Büchlein durchaus gefallen. Herrn Moritz ist mir in seiner Schlussfolgerung zu dieser Geschichte fast schon ein bißchen zu negativ, denn das, was Pieter, Elleke und Wouter am Ende der Geschichte haben, finde ich schon ziemlich viel. Und Pieter, der Anti-Held, entpuppt sich zum guten Schluss noch als kleiner Philosoph. Ein Wintermärchen, das sich auch im stürmischen Herbst gut lesen lässt.

Den Haag 


Journal Entry 14 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Thursday, March 25, 2010

6 out of 10

Wer als Übergewichtiger, Neureicher oder Brillenträger Trost braucht, lese:
René Goscinny, Der kleine Nick gelesen


Ich trage keine Brille, mein Neureichtum hält sich stark in Grenzen und ich habe auch kein Übergewicht. Nun ja, es gibt da zwei, drei Kilo, die vom letzten Winter noch übrig sind, und die - da es nun Frühling wird und die Kleidung wieder luftiger - doch abgeschmolzen gehören und sich sehr unschön unter der Bluse abzeichnen. Also sagen wir mal: dafür brauchte ich Trost, und das besser nicht in Form von Schokolade. Alls ich nun kürzlich bei einem Besuch in der alten Heimat von einer befreundeten Bookcrosserin in einen Second Hand Bücherladen geschleppt wurde, habe ich dort eine hübsche Hardcoverausgabe vom kleinen Nick für wenig Geld mitgenommen. Tatsächlich sind wir in selbigen Laden mit der Überlebensbibliothek in der Hand eingefallen, um mal zu schauen, was wir für unser Projekt (s. o.) noch so alles abstauben können. Es dürften hier also in der nächsten Zeit noch einige neue Journale zu finden sein.

Aber zunächst zum kleinen Nick. Moritz lobhudelt sehr über dieses, ja, eigentlich Kinderbuch in seiner Überlebensbibliothek. Ich war am Anfang ein bisschen auf Krawall gebürstet und wollte mich dem ganz sicher nicht anschließen. Und endgültig überzeugt bin ich auch noch immer nicht. An drei Abenden habe ich die Geschichten von Nick gelesen und erst am letzten Abend habe ich mich ein bisschen versöhnt mit dem Buch. Es ist keines, das mir wirklich Trost geben würde, wenn ich ihn so richtig nötig hätte. Aber das sind wahrscheinlich ohnehin Bücher, die man schon (mehrmals) gelesen hat und die daher schon gute Freunde sind (ich sage nur: Austen!). Ein solcher, mehrmals gelesener Freund wird Nick sicherlich nicht. Schon alleine, weil mir die Geschichten - naturgemäß - zu französisch sind. Und mit Frankreich und den Franzosen habe ich es nicht so (Kindheitstrauma seit dem Französischunterricht in der Schule). Immerhin macht Nick Urlaub in meiner momentanen Wahlheimat Niederlande - wahrscheinlich hat mich das am Ende noch mit ihm versöhnt. Fast am besten gefallen (neben der Geschichte mit der Entscheidung für den Urlaub auf Vlieland, die zudem erstaunlich feministisch ist) hat mir die letzte Erzählung, in der Nick von zu Hause weglaufen will (mit etwas mehr Glück wäre er sogar aus Frankreich rausgekommen, dann hätte ich ihn vielleicht noch mehr gemocht). Ganz ohne Zweifel großartig sind die Zeichnungen von Sempé, man sollte sich beim Lesen dieses Buches auf jeden Fall ausreichend Zeit zur Betrachtung nehmen.

Den Haag 


Journal Entry 15 by blups25 from Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Wednesday, April 07, 2010

7 out of 10

Wer den Glauben an persönliches Engagement wenigstens ab und zu gestärkt sehen will, lese:
Antonio Tabucchi, Erklärt Pereira gelesen


Lissabon im Sommer 1938 zur Zeit der Salazar-Diktatur. Pereira, verantwortlich für die neue Kulturseite der katholischen Abendzeitung Lisboa, sucht einen freien Mitarbeiter, der Nachrufe auf bedeutende Schriftsteller schreiben soll. Er stellt den begabten jungen Monteiro Rossi an, der gerade seine Dissertation über den Tod publiziert hat und dringend Geld benötigt. Sein erster Nachruf auf den spanischen Schriftsteller Federico Garía Lorca, der von seinen politischen Gegnern ermordet wurde, ist wegen seiner antifaschistischen Ansichten »nicht zur Veröffentlichung geeignet« und würde niemals die Zensur passieren. Obwohl Pereira auch alle weiteren Nachrufe Monterios wegen ihres revolutionären Inhalts für unbrauchbar hält, bewahrt er sie auf und bezahlt Monteiro für seine Arbeit aus eigener Tasche. Das bisher ruhig verlaufene Leben des unpolitischen Pereira, der mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart lebt, wird durch seinen Mitarbeiter nach und nach in seinen Grundfesten erschüttert. Monteiro gelingt es, Pereira zu überreden, einem spanischen Widerstandskämpfer ein sicheres Versteck zu besorgen. Schließlich ist es der völlig erschöpfte Monteiro selber, der Zuflucht in Pereiras Wohnung sucht. Doch die Salazar-Polizei entdeckt ihn dort und bringt ihn im Beisein des machtlosen Pereira auf brutale Weise um. Daraufhin schreibt Pereira einen letzten Artikel für die Kulturseite seiner Zeitung ...

Soweit der Inhalt. Ich habe mich nie wirklich mit der Salazar-Diktatur befasst, die Hintergründe der Geschichte kannte ich beim Lesen daher nicht. Aber eigentlich sind sie auch nicht wirklich wichtig. Diktaturen mit Geheimpolizei sind doch alle irgendwie gleich (im Sinne von: gleich schrecklich). Ich muss vorweg stellen, dass ich den Titel des Buches immer falsch verstanden habe. Für mich klang der Titel stets wie eine Aufforderung. Der Leser (oder ein bestimmter Adressat des Buches), solle Pereira und sein Verhalten erklären. Aber das ist so gar nicht gemeint. Der Titel bezieht sich darauf, dass das Buch mit dem Untertitel Eine Zeugenaussage daherkommt, und die Geschichte das ist, was Pereira scheinbar später zu Protokoll gibt, also das, was Pereira erklärt. So fängt das Buch auch an mit "Pereira erklärt, er habe ..." und hört auf mit "... und er hatte keine Zeit zu verlieren, erklärt Pereira." Gut, ich als Leser soll also nichts erklären.

Herr Moritz schreibt in seiner Überlebensbibliothek, dass "wenige Seiten genügen [...] um [Pereira] der Sympathie der Leser zuzuführen." Das kann ich so nicht unterschreiben. Ich fand den dicken, politisch uninteressierten, schlappen Pereira eigentlich nicht wirklich sympathisch (aber nun auch wieder nicht unbedingt unsympathisch). Erst auf den letzten Seiten, als Pereira tatsächlich etwas aus eigenem Antrieb tut und dazu mal nicht von seinem Praktikanten oder seinem Arzt überredet werden muss, da fand ich ihn doch nicht so übel. Ich hatte in bisschen den Eindruck, dass sich der herzkranke Herr Pereira (einen Vornamen scheint er nicht zu haben) sehr mit dem Tod beschäftigt. Er spricht nicht nur mit dem Bild seiner toten Frau und ist fasziniert von Monteiros Dissertation zum Thema Tod und lässt ihn Nachrufe auf Vorrat (!) schreiben, er schreibt selbst auch eine Kolumne "Jahrestage", in der es um die Todestage berühmter Schriftsteller geht und übersetzt französische Schriftsteller, die auch schon lange von uns gegangen sind. Da stellt sich die Frage, ob Pereira am Ende reagiert wie er reagiert, weil er ein bisschen lebensmüde ist und nichts zu verlieren hat?

Auffällig auch, dass Pereira in seiner Zeugenaussage oft Dinge andeutet, dann aber nichts dazu sagen will, weil es mit der Geschichte nichts zu tun habe. Und gibt er auch zu Protokoll, was er gerne gesagt hätte, dann aber doch nicht sagt. Pereira bleibt so immer ein bisschen ein Rätsel. Auch weil er mehrfach sagt, er habe nichts mit Politik zu schaffen und wolle in nichts hineingezogen werden - dann aber doch hilft, Geld gibt, seine Telefonnummer und Adresse rausgibt und vor allem doch immer wieder Fragen stellt zu Dingen, die er doch eigentlich nicht wissen will. So ganz schlau werde ich nicht aus diesem Pereira, habe mich aber, wie gesagt, auf den letzten Seiten des Buches wieder mit ihm versöhnt. Pereira ist kein strahlender Held des Widerstandes. Aber am Ende schlägt er sich doch tapfer auf die richtige Seite.


[Das Buch wird registriert und ist dann für Amandil und/oder Aprille reserviert, die beide auch die Überlebensbibliothek rauf und runter lesen.]

Den Haag
 


Journal Entry 16 by blups25 at Den Haag, Zuid-Holland Netherlands on Saturday, July 24, 2010

6 out of 10

Wer daran glaubt, lese:
Hans-Josef Ortheil, Die große Liebe


Ach, glauben wir nicht alle an die große Liebe? Ich kam Herrn Ortheil beim letzten Ausflug nach Deutschland entgegen. Da die Hinfahrt länger dauerte, als geplant (die Bahn!), reichte die Reiselektüre nicht mehr für die komplette Rückfahrt. Beim Stromern durch eine Buchhandlung stieß ich auf eine Reihe schmucker kleiner Bücher aus dem btb-Verlag, die sich ideal als Reiselektüre eignen. Und da mit Herrn Ortheil und seiner großen Liebe auch ein Buch aus der Überlebensbibliothek dabei war, habe ich gleich mal zugegriffen.

Ich muss meinem Journal voraus stellen, dass ich nicht unvoreingenommen an die Lektüre von Die große Liebe gegangen bin. Ich habe vor ein paar Jahren Die Nacht des Don Juan von Ortheil gelesen und war nicht wirklich begeistert, da ich mit dem Erzählstil des Autors nicht warm werden konnte. So ging es mir auch nun. Ortheil schreibt für mein Empfinden ein bisschen schroff und nicht wirklich zugänglich. Ich jedenfalls konnte zu keiner Zeit in die Geschichte echt "eintauchen", sein Buch fesselte mich nicht. Ich habe Wochen gebraucht, um dieses schmale Bändchen zu lesen. Und ich muss am Ende konstatieren: Männer und Frauen schreiben anders über die Liebe. Man verstehe mich nicht falsch, ich brauche keine Schmonzetten und Liebesromane mit halbnackten Helden auf dem Cover. Aber ob Ortheil nun Kutteln in Weißweinsauce, Tiefseefische oder die große Liebe beschreibt - es macht alles keinen Unterschied. Seine Hauptperson philosophiert zwischendurch noch über das Leben und die Liebe und darüber, einen Roman zu schreiben, der genauso anfängt, wie der, den man gerade in der Hand hält ... Es kann einem Buch einen besonderen Reiz geben, wenn sich der Kreis so schließt. Bei diesem Buch aber führt es nur dazu, dass man als Leser mit den Augen rollt. DIESEN alten Trick musste der Autor nun auch noch aus der Schublade holen. Dazu ein italienischer Verlobter, der mal beschrieben wird als Kämpfer, mal als Schluffi, ein vielleicht-Überfall auf die Hauptperson oder auch nicht, und die Dame des Herzens ist natürlich überirdisch schön und auch noch auf einem Gemälde zu finden. Diese Klischees passen so gar nicht zu Ortheils nüchternem Stil, und es wurde gegen Ende fast Arbeit, um dieses Buch endlich auszulesen. Vergnüglich oder gar ans Herz gehend war es nicht.

Den Haag 


Journal Entry 17 by blups25 at Den Haag, Zuid-Holland Netherlands on Tuesday, November 09, 2010

7 out of 10

Wer sich selbst unterschätzt, lese:
Hans Christian Andersen, Das hässliche Entlein


Ich las das Entchen vor ein paar Wochen schon. Damals blühte ein Herpes fröhlich in meinem Mundwinkel und ich dachte: nun ist es Zeit für das hässliche Entlein. Gegen den Herpes hat es nicht geholfen (der geht, wie er kommt - von ganz alleine). Aber es war ein netter Ausflug zurück in Kindertage (damals wurde das Entchen natürlich vorgelesen), und alles in allem eine vergnügliche Lektüre, deren Quintessenz Moritz in seinem Beitrag schön auf den Punkt bringt: "Ohne Hoffnung auf den nächsten Tag, an dem wenn schon nicht alles, dann wenigstens ein bisschen was anders wird, geht es nicht."

Den Haag 


Journal Entry 18 by blups25 at Den Haag, Zuid-Holland Netherlands on Tuesday, November 09, 2010

6 out of 10

Wer heftig nach Geld und Gut strebt, lese:
F. Scott Fitzgerald, Der große Gatsby


Ich strebe nicht direkt heftig nach Geld und Gut. Aber ich las Gatsby vor einigen Wochen (ein Urlaub verhinderte eine schnellere Rezension - da geht es hin, das Geld), als ich mich intensiver mit dem Thema Altersvorsorge befasste, und damit natürlich auch mit dem Thema Geld. Da schien dieses Buch die passende Lektüre.

Dass dieses Journal nun einige Zeit nach der Lektüre erfolgt, hat einen interessanten Nebeneffekt: Ich habe eben gemerkt, dass mich das Buch nicht sehr beeindruckt hat. So wenig, dass ich mich eben fragte, wie es eigentlich ausging. Glücklicherweise verrät Herr Moritz das in seinem Beitrag in der Überlebensbibliothek, ich hab's also wieder. Was mir dagegen gut in Erinnerung blieb, ist das Gefühl, über eine gnadenlos künstliche Welt zu lesen. Was sie ja auch ist. Gatsbys Partys, Buchanans Leben, alles ist Show, soll andere beeindrucken. So wie heute Leute wie Paris Hilton und Co. nur eine Show vorleben. Es geht nur um Äußerlichkeiten, niemand interessiert sich für den Menschen Gatsby, wenn nur seine Feiern lohnenswert sind. Und auch Nick, der doch noch am ehestens Gatsbys Vertrauter ist, kommt ihm nicht wirklich nahe, und lebt selber ein Leben, das kein echtes Leben ist. Mehr Schein als Sein. So lebt Gatsby, so stirbt er am Ende, denn er scheint eine Frau umgebracht zu haben. Aber das scheint eben nur so.

Den Haag 


Journal Entry 19 by blups25 at Den Haag, Zuid-Holland Netherlands on Tuesday, November 09, 2010

1 out of 10

Wer seine Mitmenschen für tolle Typen hält, lese:
Sibylle Berg, Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot


Frau Berg trudelte hier als Geschenk der ewig umtriebigen Aprille ein, die sich der Bedeutung des Buches im Rahmen der Überlebensbibliothek sehr wohl bewusst ist. Und Frau Berg wurde hier (zunächst) mit offenen Armen empfangen, denn ich hatte in den letzten Wochen in der Tat mit der Anschaffung ihres Buches geliebäugelt. Ich habe, knapp zwei Jahre nach dem Umzug von Deutschland in die Niederlande, in der letzten Zeit schon beinahe privaten Terminstress, weil ich inzwischen so viele nette Leute (oder auch tolle Typen) hier kenne, dass ich oft so gut wie jeden Abend unterwegs bin. Und das sollte man doch mit einem Überlebensbuch feiern.

Nun denn, ich begann Frau Berg zu lesen, und die ersten Versatzstücke (es sind eigentlich keine echten Kapitel) ließen sich gut an. Wie sie etwa Noras kranke Magersuchtgedanken darstellt, das gefiel mir. Aber nach 30, 40 Seiten fragte ich mich, was um alles in der Welt ich da eigentlich lese. Und je länger ich las, umso weniger konnte ich mit dem Buch anfangen. Es hätte ein interessanten Buch werden können über Menschen um die 30, die an ihren eigenen oder den Ansprüchen der Gesellschaft scheitern. Daraus hätte man lesenswerte psychologische Studien machen, darüber hätte man interessante Geschichten schreiben können. Aber Frau Berg nervt stattdessen mit spätpubertärem Geschreibsel, bei dem es darum geht, dass ihre Protagonisten so ekelhaft wie möglich sterben, und auf dem Weg dahin so viel schlechten Sex wie möglich haben - und der Leser das alles so detailliert wie es eben geht miterleben muss. Ich habe mich mehr als einmal gefragt, warum ich mir das überhaupt antue, wäre das Buch nicht Teil der Überlebensbibliothek, hätte ich nichtmal 50 Seiten gelesen. Vielleicht hat Frau Berg ein paar sensationelle Dinge in diesem Buch versteckt, aber ich habe sie nicht gefunden, weil ich bei jedem Versatzstück nur dachte: "was kommt jetzt wieder Ekeliges?". Und an Ekeligem mangelt es nicht. Ich habe echt eine Aversion gegen dieses Buch entwickelt, dass ich mich doch bis zum bitteren Ende durchgequält habe, war definitiv verschenkte Lebenszeit. Ich muss dringend mal meine eigenen Spielregeln für diese Lifetime-Challenge überdenken. Bleibt nur die Frage, warum so ein Mist verlegt wird. Aber vielleicht gibt das Coverfoto, auf dem sich Frau Berg höchstselbst lasziv in einem Bette räkelt, ja Antwort darauf, was den Verleger umtrieb, als er dieses Buch publizierte. Und was Herr Moritz an Frau Berg nun findet? Ich las seinen Beitrag und verstehe ihn nicht.

Frau Berg ist mir nach der Lektüre dieses ganzen Elends so zuwider, dass ich sie nun nicht einmal registrieren werde. Ich will niemandem zumuten, diesen Schund unvorbereitet zu finden und mit Frau Berg womöglich noch die erste Bookcrossing-Begegnung bestreiten zu müssen - würde mir das passieren, würde ich mich niemals bei BC anmelden. Ich will Frau Berg aber auch nicht im Regal stehen haben, denn da stehen nur Bücher, die ich mag. Daher nehme ich sie für eine Kollegin mit, die Bücher sammelt - für die Seemannsmission in Rotterdam. Vielleicht finden die harten Kerle auf den Schiffen ja was an diesem Buch.

Den Haag 


Journal Entry 20 by blups25 at Den Haag, Zuid-Holland Netherlands on Monday, December 27, 2010

6 out of 10

Wer nirgendwo mehr ein Hoffnungslichtlein sieht, lese:
Karen Duve, Weihnachten mit Thomas Müller


Nein, ich bin nicht depressiv und mir sind auch nicht die Hoffnungslichtlein ausgegangen. Thomas Müller kam im Tausch für die schreckliche Frau Berg (s. ein Journal weiter oben), und ich hatte zunächst gar nicht auf dem Schirm, dass er auch zur Überlebensbibliothek gehört. Von Frau Duve steht der Regenroman mit auf der Liste, das wusste ich. Dass Weihnachten mit Thomas Müller auch ein Überlebensbuch ist, darauf musste mich Aprille extra hinweisen. Und dann saß ich in der Zwickmühle, sollte Thomas Müller doch Weihnachtslektüre werden, aber passte er überlebensmäßig nicht wirklich zu mir. Auch wenn Frau Berg noch so blöd ist, sehe ich doch noch ein Hoffnungslichtlein für die deutsche Literatur. Und überhaupt: qua Gemüt tauge ich nicht für Stimmungsbilder á la kein Hoffnungslichtlein mehr. Thomas Müller muss nun also als Erfahrung aus de Reihe "Lesen bildet" hinhalten, und wird definitiv nicht aus der Not heraus gelesen.

Ich bin nicht ganz sicher, was ich nun von dem plüschigen Protagonisten halten soll. Meist haben solche nicht-menschlichen Hauptdarsteller in Film und Buch ja ein geheimes Leben, von denen wir Menschen eben nichts merken. Bei Thomas Müller gibt es jede Menge Interaktion zwischen Plüschtier und Mensch, inklusive Gespräche zwischen holzwollegefüttertem Teddybär und Taxifahrer bzw. reumütigem Bärenbesitzer. Auch bekommt Thomas Müller Taschengeld und nimmt (alle zwei Stunden!) feste Nahrung zu sich. An diesem deutlichen Bruch mit den üblichen Konventionen für das Leben von Teddybären habe ich mich beim Lesen doch etwas gestoßen. Für mein Gefühl hat Duve ihrem Buch damit genau den Zauber geraubt, den es doch eigentlich haben sollte - gerade an Weihnachten!

Schön fand ich Duves lakonische Beschreibung von Thomas Müllers Festfrieren am Brunnen inkl. Wasser bzw. dann Eis im Ohr. Da kann man eine zynische Wanderkatze schonmal missverstehen. Letztere gefiel eigentlich fast besser, als der abgewetzte Teddy. Ein Satz auf dem Wanderkatzenrepertoire ist mir besonders aufgefallen, und der wird auch bei Moritz zitiert (ich lese seine immer Rezensionen erst nach der Lektüre der Bücher, er verrät manchmal einfach zu viel vom Inhalt): "Wer jammert, hat noch Reserven." Das gefällt mir (und lässt sich prima beim Sport bzw. im nächsten Wanderurlaub weiterverwenden).

Den Haag 


Journal Entry 21 by blups25 at Den Haag, Zuid-Holland Netherlands on Friday, January 07, 2011

9 out of 10

Wer die Heimat nicht vergessen will, lese:
Maria Beig, Rabenkrächzen


Mit dem Start ins neue Jahr beginnt für mich auch das inzwischen dritte Jahr im Ausland. Die Lektüre von Rabenkrächzen stand daher schon länger auf meiner to-do-Liste, und so wurde flugs vor Weihnachten noch Frau Beig bestellt. Angekommen ist sie dann erst nach den Feiertagen, aber das schlanke Büchlein (ohne Nachwort nur 109 Seiten) ward auch so an drei Abenden gelesen.

Ich kannte Maria Beig bisher nicht, und dass auf dem Cover auch noch ein (lobendes) Nachwort von Martin Walser angekündigt wird, klang eher wie eine Drohung. Ich habe Walser mal live bei einer Lesung erlebt, den Rest möge sich der geneigte Leser dieser Zeilen nun selber zusammenreimen. Nach einigen eher mäßigen Leseerfahrungen mit der Überlebensbibliothek (s.o.) war ich daher eher skeptisch, zumal der Untertitel des Buches Eine Chronik aus Oberschwaben versprach - das klang wenig mitreißend. Aber Frau Beig hat mich positiv überrascht!

Rabenkrächzen ist kein Buch mit viel "Action". In leisen Tönen erzählt Maria Beig vom Leben auf vier durch Verwandtschaft miteinander verbundenen Bauernhöfen. Erzählerin ist eine der sieben Töchter vom Hanghof (insgesamt gibt es dort 14 Kinder), die auch die Geschehnisse am Berg-, Weiher- und Bachhof mit verfolgt. Es war am Anfang gar nicht so einfach, sich da einzufinden. Nicht umsonst hat der Verlag eine Generationenübersicht ans Ende des Buches gestellt, denn viele Personen haben keinen Namen - oder aber Vater und Sohn tragen denselben. Das macht es zunächst etwas schwierig. Ich habe das Kapitel Ort, Zeit und Menschen zwei Mal gelesen und mir bei der Wiederholungslektüre eine eigene Übersicht gemalt - das half enorm. Die Geschehnisse auf den Höfen werden recht nüchtern erzählt. Der Stil zwingt zum langsamen Lesen, was gut zum langsamen Leben auf den Höfen passt. Hier wird Landwirtschaft vor der Erfindung diverser Maschinen betrieben. Echte Handarbeit, auch wenn zum Schluss des Buches die Moderne Einzug hält. Hier scheint sich zugleich auch die Geschichte viel schneller abzuspielen. Am Ende bleibt ein Hof übrig, ein Bauer bewirtschaftet das Land, das früher vier beackert haben. Diese letzten Seiten möchte man eigentlich nicht lesen, weil sie den Zauber der Geschichte jäh brechen, die auch jäh aufhört.

Es war kein leichtes Leben, was damals gelebt wurde. Es wurde viel gestorben und auch viel geboren, es gab Kriege. Beig erzählt das alles sehr unsentimental, und doch mitreißend. Ich werde - sicher nicht sofort aber doch - auch noch in ihre anderen Bücher hineinlesen. Dieses hier war auf jeden Fall das Lesen wert. So gesehen habe ich wieder Hoffnung für die Überlebensbibliothek und mich.

[Das Buch wird registriert und ist für zunächst Aprille und dann Amandil reserviert, die beide auch die Überlebensbibliothek rauf und runter lesen.]

Den Haag 


Journal Entry 22 by blups25 at New Delhi, Delhi India on Monday, May 28, 2012

7 out of 10

Wer mal wieder an die Durchschaubarkeit der Welt glauben will, lese:
Arthur Conan Doyle, Ein Skandal in Böhmen gelesen


Ich wohne seit vier Monaten in Indien. Wenn es ein Land auf dieser Erde gibt, in dem die Welt nicht durchschaubar ist, ist es Indien. Kasten, arrangierte Ehen, unfassbare Armut neben protzig zur Schau gestelltem Reichtum, immerwährender Lärm, allgegenwärtiger Dreck und eine unüberschaubare Zahl an Göttern. Um nur mal ein paar Beispiele zu nennen. Verständlicherweise griff ich daher zu, als ich in einer Buchhandlung The Adventures of Sherlock Holmes fand (in einer Buchhandlung in Dubai übrigens, wo ich vier Tage vom indischen Chaos Erholung suchte [also, in Dubai an sich, ich habe nicht vier volle Tage in der Buchhandlung verbracht, obwohl sie groß genug war]).

Sherlock Holmes hatte ich bisher nie im Original gelesen. In meinem Kinderzimmer gab es die Jugendbuchausgabe vom Hund von Baskerville. Da war Sherlock ein gediegener englischer Gentleman. Im Kino sah ich kürzlich eine moderne Verfilmung, deren Holmes ein drogensüchtiger, durchgeknallter Besserwisser war. Letzterer kommt dem Original erstaunlicherweise viel näher, als ich vermutet hätte. Der Original-Holmes ist ein komischer Kauz, wenn auch etwas sympathischer als seine Hollywood-Version. Trotzdem weit entfernt vom englischen Gentleman.

Ob A Scandal in Bohemia nun unbedingt die beste Holmes-Geschichte ist, um den Meisterdetektiv kennenzulernen, sei dahin gestellt. Immerhin wird er in dieser Episode von einer Frau (!) knapp geschlagen. Das ist aus feministischer Sicht zu begrüßen. Aus literarischer Ende-gut-alles-gut-Sicht ist es natürlich ein schwerer Schlag. Und dass mich ausgerechnet ein übertölpelter Holmes an die Durchschaubarkeit der Welt glauben lässt, mag bezweifelt werden. Aber die Geschichte an sich folgte natürlich einem beruhigenden und hinlänglich bekannten Schema. Will sagen, das perfekte Verbrechen gibt es nicht, jede/r verrät sich eines Tages. Und dann ist Mastermind Holmes zur Stelle, um den Verbrecher zu überführen. Sehr durchschaubar, also.

Es war durchaus nett, mal einen Holmes im Original gelesen zu haben. Zugegebenermaßen hätte ich das so schnell nicht (oder auch nie) getan, wenn die Überlebensbibliothek nicht gewesen wäre und meinen Lesehorizont einmal mehr erweitert hätte. Da ich aber weder ein Krimi-Fan bin, noch Begeisterung für Kurzgeschichten aufbringen kann, werde ich die restlichen Adventures mir nun nicht unbedingt auch noch zu Gemüte führen.

New Delhi 


Journal Entry 23 by blups25 at New Delhi, Delhi India on Saturday, August 04, 2012

9 out of 10

Wer abschreckende Beispiele von Völlerei zur Einhaltung seiner gesunden Lebensweise benötigt, lese:
Siegfried Lenz, Kummer mir jütländischen Kaffeetafeln


Bestellt habe ich Herrn Lenz schon Mitte Juni, als ich unter einer sehr unschönen Infektion mit indischen Salmonellen litt und mir wie üblich in solchen Fällen schwor, mich nur noch und ausschließlich gesund, bewusst und für die Dauer meines Aufenthaltes in Indien zudem vorsichtiger zu ernähren. Da ich Herrn Lenz dann nur über den Umweg einer Deutschlandreise in die Hände bekam, dauerte es am Ende doch noch etwas, bevor ich mich an die Lektüre gemacht habe.

Die jütländische Kaffeetafel war mir bisher unbekannt. Kredenzt wird sie ganz offensichtlich zu vorgerückter Stunde - abends so gegen neun. Gebutterte Rundstücke, Kranzkuchen mit Rosinen, Sahnetorte mit Kirschen, Napoleonschnitten (gefüllt mit Vanillepudding) und zum Schluss noch das Kleingebäck (was für ein Wort!). Dazu literweise schwarzer Kaffee, der mit jeder Tasse stärker wird und in den Ohren rauscht.

Der Ich-Erzähler dieser Geschichte beschreibt sein Leiden im wahrsten Sinne Stück für Stück - nur dass es sich hier um Kuchenstücke handelt. Das klänge schön, wenn es eine nachmittägliche Tortenschlacht wäre. Aber abends? Nach neun und nach dem Abendessen? Mit Kaffee dazu? Man kann es verstehen, das Leiden des Herrn Lenz. Schön geschrieben, zwischen Verzweiflung und (Galgen-)Humor. Bestimmt habe ich mal Lenz in der Schule gelesen, aber in dem Alter weiß man Klassiker nicht zu schätzen. Ich mache mich bei Gelegenheit nochmal an andere Bücher von ihm.

[Das Buch wird registriert und ist für Amandil reserviert, die sich auch an die Entdeckung der Überlebensbibliothek gemacht hat.]

New Delhi 


Journal Entry 24 by blups25 at New Delhi, Delhi India on Sunday, January 20, 2013

5 out of 10

Wer nicht genau weiß, warum es mit der ersten Liebe nichts wurde, lese:
Theodor Storm, Immensee


Ach, warum es mit der ersten Liebe nichts wurde, weiß ich. Warum es mit der letzten nicht geklappt hat, ist mir auch irgendwie klar. Und Herr Storm konnte da nun auch nichts mehr hinzufügen. Das schmale Büchlein ist ehrlich gesagt schrecklich banal. Zwei, die sich in Zeiten, als eine Ehe für die Frau noch die einzige Absicherung war, nicht finden. Sie heiratet einen anderen, weil die Mutter sie endlich unter die Haube bringen will. Er ahnt was, kriegt aber nicht die Kurve, ihr einen Antrag zu machen, bevor sie sich von einem anderen einen Verlobungsring anstecken lässt. Die Geschichte ist überfrachtet mit zuckersüßen Andeutungen (der Hänfling, den er ihr geschenkt hat, haucht sein Vogelleben aus, und der Vogelbauer wird von einem Kanarienvogel bezogen, den ihr der andere verehrt hat). Und Ideen hat der Mann! Man(n) lese nur dies: Er blickte beim Rudern zu ihr hinüber; sie aber sah an ihm vorbei in die Ferne. So glitt sein Blick herunter und blieb auf ihrer Hand; und diese blasse Hand verriet ihm, was ihr Antlitz ihm verschwiegen hatte. Er sah auf ihr jenen feinen Zug geheimen Schmerzes, der sich so gern schöner Frauenhände bemächtigt, die Nachts auf kranken Herzen liegen. Gut, dass diese Novelle der Gattung entsprechend kurz ist, lange hätte ich dieses Geschwurbel nicht mitgemacht.

[Das Buch wird registriert und ist für Amandil reserviert, die sich auch an die Entdeckung der Überlebensbibliothek gemacht hat.]

New Delhi 


Journal Entry 25 by blups25 at Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Sunday, September 21, 2014

7 out of 10

Wer die Mutter verliert, lese:
Peter Handke, Wunschloses Unglück


Angesichts des Themas hatte ein Buch erwartet, bei dem der Autor seine Trauer versucht in Worte zu fassen. Etwa so, wie Connie Palmen das zum Beispiel in I.M. macht. Doch Handke spricht nicht viel über sich, abgesehen von den kurzen Einschüben, in denen er übers Schreiben redet. Handke erzählt stattdessen die Lebensgeschichte seiner Mutter. Ein Leben, das nicht aus der Masse heraussticht. Trotzdem hat seine Mutter im Kleinen immer wieder versucht, sich ein bisschen zu emanzipieren, aus dem Käfig der Konventionen auszubrechen. Bis hin zu ihrem Tod. Anstatt duldsam ihre Krankheit zu ertragen und ihre eigenen Bedürfnis für die der Familie hinten anzustellen, begeht sie Selbstmord (das darf ich hier verraten, denn Handke schreibt es gleich im ersten Absatz des Buches). Ein Satz ist mir dabei förmlich entgegen gesprungen: Und während des ganzen Fluges war ich außer mir vor Stolz, dass sie Selbstmord begangen hatte. Eine seltsame Formulierung. Aber irgendwie auch eine Anerkennung der Tatsache, dass Handkes Mutter eben anders ist als andere Frauen, Grenzen überschreitet und damit ihren Sohn bei aller Traurigkeit und Dramatik doch stolz macht.

Für mich alles in allem ein lesenswertes und interessantes Buch. Aber keines, das einem nun einen Schlag in die Magengrube versetzt und den Leser hineinzieht in einen Strudel von Trauer und Verzweiflung.

Düsseldorf 


Journal Entry 26 by blups25 at Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Friday, November 28, 2014

5 out of 10

Wer einen Wüstentrip gebucht hat und damit nicht recht glücklich wird, lese:
Karen Duve, Regenroman


Fangen wir mit der Wüste an. Ja, ich habe einen Wüstentrip gebucht. Und ja, ich freue mich auf das Naturereignis Wüste, auf unendliche Weiten und auf Schlafen unter einem von keinem Kunstlicht getrübtem Sternenhimmel. Womit ich in der Tat hadere ist die Tatsache, tagelang auf jegliche Form der sanitären Einrichtung verzichten zu müssen. Ich habe gerne Abenteuer - so lange ich abends in einem schönen Hotel duschen und mein Haupt zur Ruhe betten kann. Kann ich hier nicht. Wusste ich vorher, habe ich trotzdem gebucht. Man muss ja auch mal seine persönlichen Grenzen ausloten und erweitern. Also geht es in die Wüste.

Und weil es so schön passte, gibt es dazu Frau Duve. Und nein, ich buche meinen Urlaub nicht so, dass er zur Literatur im Regal passt. Meistens jedenfalls.

Um es gleich mal deutlich zu sagen. Duves Buch beinhaltet lauter Dinge, die ich eigentlich nicht lesen will. Es ist, als habe sie alles gesammelt, was möglichst ekelhaft ist. Ekelhaftes Essverhalten, schaurige Sexszenen, schleimiges Getier, albtraumhafte Nachbarn. Mir ist es ein Rätsel, warum Leute, die nicht die Liste der Überlebensbibliothek abarbeiten, dieses Buch lesen sollten.

Für mich hat sich die ganze Geschichte zudem viel zu überfrachtet angefühlt. Die Geschichte vom Autor, der einem Zuhälter die Memoiren schreibt, und dabei in Schwierigkeiten kommt, wäre für sich schon ein guter Romanansatz gewesen. Auch ohne das Haus im Regen. Und die Schnecken. Und den schmierigen Krämer. Und die komischen Schwestern. Für mich ebenfalls ein bisschen zu viel war die Zahl der Ich-Perspektiven. Mal versteckte sich Duve in Leons Kopf, dann in dem von Martina - und zwischendurch auch noch in dem vom Hund!

Die überschwänglichen Kritikerzitate auf der Rückseite verweisen darauf, dass Duve die Männer "zur Schnecke" macht. Viel schlimmer finde ich, wie sie die Frauen darstellt. Die dürre Bulemikerin mit dem Jugendtrauma. Die Lesbe, die natürlich Latzhose trägt und mit dem Werkzeugkasten durch die Gegend rennt. Und die Dicke, die die Männer zum Sex nötigt und ihnen nebenbei den Kühlschrank leer frisst. Womit wir so ziemliche jedes Klischee dabei haben.

Kurz und gut: wie man diese Geschichte überhaupt veröffentlichen kann, ist mir schon schleierhaft. Wie man damit Karriere als Autorin machen kann, erst recht. Ich jedenfalls will sowas nicht lesen.

Düsseldorf 


Journal Entry 27 by blups25 at Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Thursday, February 12, 2015

7 out of 10

Wer Schafe (und Island) sehr gern hat, lese:
Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein


Schafe mag ich auf jeden Fall, ich war sogar einmal drei Tage lang mit einem Schäfer und seiner Herde unterwegs. Eine sehr interessante Erfahrung. Island werde ich demnächst besuchen, von daher schien dieses Buch zu passen. Es eignet sich nur leider nicht als Reiselektüre, weil es sagenhafte 600 Seiten hat. Und die sind für den Leser eine Achterbahnfahrt.

Ein berühmter und von sich sehr überzeugter isländischer Schriftsteller wacht verwirrt auf - und stellt fest, das er in einem seiner Romane gelandet ist. Nun muss er mit den Figuren leben, die er erfunden hat. Streckenweise ist das eine sehr charmante Geschichte. In anderen Kapiteln dagegen philosophiert der Herr Schriftsteller so vor sich hin, und man ist froh, wenn es endlich wieder in der Geschichte weiter geht. Mich hat das Ganze am Ende nur mäßig überzeugt. Die langsame Erzählweise spiegelt das Leben in der isländischen Einöde gut wider, ist für den Leser aber zuweilen doch anstrengend. Auch blieben einige Fragen am Ende offen.

Schafe spielen übrigens nur am Rande eine Rolle. Da hatte ich mir mehr von erhofft. Määäh.

Düsseldorf 


Journal Entry 28 by blups25 at Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Sunday, August 09, 2015

7 out of 10

Wer von einer Abhängigkeit in die nächste rutscht, lese:
Brigitte Schwaiger, Wie kommt das Salz ins Meer


Unweit meiner Wohnung steht ein Öffentlicher Bücherschrank. Etwas weiter noch einer. Eigentlich brauche ich keine neuen Bücher. Der Stapel der ungelesenen Exemplare ist nach wie vor hoch. Und doch zieht mich der nächstgelegene Bücherschrank mehrmals die Woche magisch an. Immer wieder wandern Bücher in meine Tasche. Ich muss zu meiner Ehrenrettung sagen, dass ich auch (unregistrierte) Bücher in den Schrank stelle. Aller paar Wochen sortiere ich aus dem Stapel der ungelesenen Bücher energisch welche aus und bringe sie in den Schrank. Mit dem festen Vorsatz, die nächsten Wochen keine neuen Bücher mehr nach Hause zu tragen. Nicht selten komme ich von eben dieser Tour mit neuer Lektüre zurück. Darunter auch dieses Buch, übrigens.

Ich bin nicht sicher, ob Moritz diese Art der Abhängigkeit meinte, denn es geht in dem schmalen Büchlein von Brigitte Schwaiger eindeutig ums Zwischenmenschliche. Eine junge Frau sagt am Altar "Ja", obwohl sie eigentlich "Nein" sagen will. Sie ist in diese Ehe reingerutscht, es sind die siebziger Jahre, Frau heiratet und gut ist. "Gutbürgerlich" ist das Maß der Dinge. Unglücklich beginnt sie eine Affäre. Am Ende - ungeheuerlich in dieser Zeit! - die Scheidung. Sie zieht zurück zu ihren Eltern. Geschlagen, verachtet, unglücklich.

Schwaigers Erzählstil ist sehr gewöhnungsbedürftig. Und doch wird schon nach wenigen Seiten deutlich, dass sie damit genau die Mischung aus Hilflosigkeit, Wut und Resignation ausdrückt, die die Erzählerin so fest im Griff hat. Die Erzählung fließt langsam dahin. Dadurch stechen die feinen Spitzen, mit denen ihr Mann sie immer wieder demütigt, umso deutlicher hervor.

Das Buch löst fast ein körperliches Unbehagen aus, erst recht aus heutiger Perspektive. Der Mann bestimmt, der Mann fordert, der Mann nimmt. Da bringen Eltern ihre Tochter an den Mann, in dem sie sie zusammen mit einer Eigentumswohnung anbieten. Das Kind muss unter die Haube, der Schwiegersohn dem Vater gefallen, nicht der Tochter. Die Erziehungsmethoden zum Abrichten des Hundes erinnern stark an die, mit denen die junge Gattin abgerichtet wird.

Die Erzählerin bricht schließlich aus, beginnt erst eine Affäre, am Ende steht die Scheidung. In einer Zeit, in der es noch eine schuldige Partei geben musste. Die Frau, natürlich. Die junge Frau sucht, doch sie weiß nicht wonach. Deswegen wird sie es wohl auch nie finden.

Düsseldorf 


Journal Entry 29 by blups25 at Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Sunday, November 29, 2015

4 out of 10

Wer einfach nur angerührt werden möchte, lese:
Carson McCullers, Das Herz ist ein einsamer Jäger


Das Buch stand schon länger in meinem Regal, nachdem ich es vor einiger Zeit im Öffentlichen Bücherschrank fand. Angesichts der Klassifizierung von Herrn Moritz, wurde es als Reiselektüre erwählt, als ich einen Bildungsurlaub nach Krakau und Auschwitz plante. Eine Woche unrühmliche deutsche Vergangenheit in Polen, als Gegengift schien mir anrührende Literatur für die Abende ideal.

Doch ach, Carson McCullers vermag mich nicht anzurühren. Im Gegenteil. Ohne die Challenge hätte ich das Buch ganz bestimmt nicht zu Ende gelesen, denn ich fand es langweilig. Abend für Abend habe ich mich nun hindurch gequält (ich sollte die Regeln für meine Challenge vielleicht nochmal überdenken). Nicht selten bin ich halberwege eines Kapitels eingeschnickt und habe die Lektüre erst nach einem Power Nap wieder aufgenommen. Dieses Buch war Arbeit, kein Vergnügen. Und das Ende belohnt nicht einmal für die Anstrengung.

Keine der Figuren kam mir wirklich nah. Singer und Mick haben sich mir zwar noch eher erschlossen als der Rest. Aber am liebsten hätte ich jeden einzelnen geschüttelt, damit er/sie aus seiner Lethargie erwacht und sein/ihr Leben endlich lebt. Es sind allesamt Getriebene, die anderen das Steuer ihres Lebensweges überlassen. Es sind Menschen, die sich ausnutzen lassen, und es oft nicht einmal merken. Oder nicht merken wollen. Und am Ende fällt alles innerhalb weniger Seiten in sich zusammen, und man kann sich nur wundern, was das Ganze sollte.

Trostlos ist dieses Buch. Und so gar nicht anrührend.

Düsseldorf 


Journal Entry 30 by blups25 at Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Sunday, March 12, 2017

5 out of 10

Wer vom guten Leben in der Provinz träumt, lese:
Egon Gramer, Gezeichnet: Franz Klett


Frl. blups war auf Wohnungssuche und hat sich auch im schönen Düsseldorf-Hamm umgesehen, auch bekannt als "Kappes Hamm", weil hier, direkt am Rhein, sehr ländlich Gemüse- und Gartenbau betrieben wird. Nun, es ist nun doch eine Wohnung in der Stadt geworden, aber eine Zeit lang habe ich in der Tat die Provinz erwogen.

Leider ist Grames Buch alles andere als romantisch. Im Gegenteil: Was für ein unendlich deprimierendes Buch! Es hat mich wirklich Mühe gekostet, es auszulesen. Und ohne Überlebensbibliothek hätte ich es nach nicht einmal der Hälfte zugeklappt - und das endgültig. Bevor der Begriff "Mobbing" erfunden wurde, wurde selbiges schon großzügig in Schulen und auf dem Dorf praktiziert. Das Wegschauen, das wir heute als Großstadtphänomen beklagen, gab es auch schon vor ein paar Jahrzehnten - und zwar mitten im Dorf. Das alles zu lesen löst bei mir körperliches Unwohlsein aus. Diese Buch zu lesen ist eine Fleißarbeit, kein Vergnügen.

Düsseldorf 


Journal Entry 31 by blups25 at Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen Germany on Wednesday, August 09, 2017

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Wer Belgien unterschätzt, lese:
Brigitte Kronauer, Verlangen nach Musik und Gebirge


Ich habe mal drei Jahre in den Niederlanden gelebt und neige daher in der Tat dazu, die Belgier mit ihren vielen sprachlich abgegrenzten Regierungen, Behörden und Eigenarten zu unterschätzen. Daher wäre dies eigentlich das richtige Buch für mich. Aber nachdem ich vor 5 Jahren schonmal nach 50 Seiten aufgegeben habe, streiche ich nun nach etwas über 100 Seiten erneut die Segel. Und zwar endgültig. Das erste Buch aus der Überlebensbibliothek, das ich trotz aller guten Vorsätze nicht zu Ende gelesen habe. Aber man hat nunmal nur ein Leben - will man das mit schlechten Büchern verbringen?

Frau Kronauers Stil ist eigenwillig, weitschweifig und von zum Teil wirklich originellen Wortkreationen geprägt. Aber die Geschichte selber ist dünn bis gar nicht vorhanden. Ich will gar nicht wissen, wie sie ausgeht, weil sie mich zu keiner Zeit gepackt hat. Dieses Buch ist einfach ... langweilig. Nicht lesenswert. Überflüssig.

Düsseldorf 


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